Das erste Gebot
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Eine der tiefgreifendsten Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Judentums ist die zwischen Moses Maimonides und Juda Halevi über die Bedeutung des ersten der Zehn Gebote.
Für Maimonides (1135–1204) ist das erste Gebot der Glaube an Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde:
„Das grundlegende Prinzip aller Prinzipien und die Säule aller Wissenschaften besteht in der Erkenntnis, dass es ein Erstes Wesen gibt, das alles Existierende ins Dasein gerufen hat. Wenn man annehmen könnte, dass Er nicht existiert, würde daraus folgen, dass nichts anderes existieren könnte. Nähme man hingegen an, dass alle anderen Wesen nicht existierten, so würde Er allein dennoch existieren … Diese Wahrheit anzuerkennen, ist ein positives Gebot, wie es heißt: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott‘“.
Mischne Tora, Hilchot Jessode Hatora 1:1–5 unter Bezugnahme auf Exod. 20:2 und Deut. 5:6–7
Dem widersprach Juda Halevi (ca. 1080–ca. 1145). Er war der bedeutendste der mittelalterlichen hebräischen Dichter und verfasste mit dem Kusari zugleich eines der philosophischen Meisterwerke des Judentums. Das Werk ist als Dialog zwischen einem Rabbiner und dem König der Chasaren gestaltet. Die Chasaren waren historisch gesehen ein Turkvolk, das zwischen dem siebten und dem elften Jahrhundert ein beträchtliches Gebiet zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer beherrschte, darunter Südrussland, der Nordkaukasus, die östliche Ukraine, Westkasachstan und der Nordwesten Usbekistans.
Dort lebten viele jüdische Händler und Flüchtlinge, und im Jahr 838 trat der chasarische König Bulan zum Judentum über. Der Überlieferung zufolge hatte er zuvor eine Debatte zwischen Vertretern des jüdischen, des christlichen und des muslimischen Glaubens veranstaltet. Der arabische Schriftsteller al-Dimaschqi berichtet, die Chasaren seien mit dem jüdischen Glauben in Berührung gekommen und hätten ihn „für besser als ihren eigenen befunden und angenommen“. So wurde das Chasarenreich sowohl in geistiger als auch in geografischer Hinsicht zu einer unabhängigen dritten Macht zwischen dem muslimischen Kalifat und dem christlichen Byzantinischen Reich. Nach ihrer Konversion verwendeten die Chasaren jüdische Personennamen, sprachen und schrieben Hebräisch, ließen sich beschneiden, hatten Synagogen und Rabbiner, studierten Tora und Talmud und hielten die jüdischen Feiertage ein.
Der Kusari enthält Juda Halevis Philosophie des Judentums, dargestellt in Form eines erdachten Gesprächs zwischen dem König und einem Rabbiner, das zum Übertritt des Königs führte. Darin zeichnet Halevi ein Bild, das im völligen Gegensatz zu Maimonides’ späterer Darstellung steht. Für Halevi ist das Judentum nicht aristotelisch, sondern gegenaristotelisch. Der Gott der Propheten, so Halevi, ist nicht der Gott der Philosophen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Philosophen Gott in der Metaphysik fanden, die Propheten hingegen in der Geschichte.
So formuliert Halevis Rabbiner im Kusari sein Glaubensbekenntnis:
„Ich glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Israels, der die Kinder Israels unter Zeichen und Wundern aus Ägypten führte, der sie in der Wüste ernährte und ihnen das Land gab, nachdem Er sie auf wundersame Weise durch das Meer und den Jordan geführt hatte …“``.
Der Kusari I:11
Weiter betont er, dass die einleitenden Worte Gottes bei der Offenbarung am Berg Sinai nicht „Ich bin der Ewige, dein Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde“ lauteten, sondern „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Land der Sklaverei, herausgeführt hat“ (Der Kusari I:25).
Halevi lebte vor Maimonides. Nachmanides (Rabbi Mosche Ben Nachman, 1194–1270) lebte nach ihm. Doch auch er widersprach der Auslegung des einleitenden Verses der Zehn Gebote durch Maimonides. Sein Einwand stützt sich auf eine Passage in der Mechilta:
„‚Du sollst keine anderen Götter neben Mir haben.‘ Warum wird dies gesagt? Weil es heißt: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott.‘ Dazu ein Gleichnis: Ein König aus Fleisch und Blut betrat eine Provinz. Seine Diener sagten zu ihm: ‚Erlasse Verordnungen für das Volk.‘ Er antwortete ihnen jedoch: ‚Nein. Erst wenn sie meine Herrschaft anerkennen, werde ich Verordnungen erlassen. Denn wenn sie meine Herrschaft nicht anerkennen, wie sollen sie dann meine Verordnungen befolgen?‘“
Nach Nachmanides ist der Vers „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Land der Sklaverei, herausgeführt hat“ kein Gebot, sondern die Einleitung zu den Geboten. Es erklärt, weshalb die Israeliten an den Willen Gottes gebunden sein sollten. Er hat sie gerettet, befreit und in Sicherheit gebracht. Der erste Vers des Dekalogs ist demnach keine Gebotserteilung, sondern eine Tatsachenfeststellung – eine Begründung dafür, weshalb die Israeliten Gottes Herrschaft anerkennen sollten.
Dank archäologischer Entdeckungen im 20. Jahrhundert wissen wir heute, dass Nachmanides recht hatte. Der biblische Bund weist dieselbe literarische Struktur auf wie altorientalische politische Verträge. Zu den ältesten bekannten Verträgen zählen die Geierstele aus der Zeit vor 2500 v. d. Z., die den Sieg Eanatums, des Königs von Lagaš, über das Volk von Umma festhält – beide lagen im südlichen Mesopotamien –, sowie der Vertrag des Narām-Sîn, des Königs von Kiš und Akkad, mit dem Volk von Elam um 2280 v. d. Z. Daneben wurden weitere Verträge aus späterer Zeit entdeckt, an denen Hethiter, Aramäer und Assyrer beteiligt waren. Einer davon beschreibt einen Bund zwischen dem hethitischen König Hattusili III. und Pharao Ramses II., den einige Gelehrte mit dem Pharao des Auszugs aus Ägypten gleichsetzen.
Diese Verträge folgen in der Regel einem sechsteiligen Muster. Die ersten drei Elemente sind: [1] die Präambel, in der der Urheber des Vertrags genannt wird, [2] ein historischer Rückblick, der die bisherige Beziehung zwischen den Parteien zusammenfasst, sowie [3] die Bestimmungen, also die Bedingungen des Bundes. Der erste Vers der Zehn Gebote ist eine stark verkürzte Form der ersten beiden Elemente. „Ich bin der Ewige, dein Gott“ ist die Präambel. „Der dich aus Ägypten, aus dem Land der Sklaverei, herausgeführt hat“, ist der historische Rückblick. Die darauffolgenden Verse enthalten die Bestimmungen, die wir heute als Gebote bezeichnen würden. Nachmanides und der Midrasch liegen daher richtig, wenn sie diesen Vers als Einleitung und nicht als Gebot verstehen.
Worum geht es bei der Meinungsverschiedenheit zwischen Maimonides einerseits und Juda Halevi sowie Nachmanides andererseits? Im Zentrum des Judentums steht ein zweifaches Verständnis vom Wesen Gottes und von Seinem Verhältnis zur Welt. Gott ist der Schöpfer des Universums und der Schöpfer des Menschen „nach Seinem Ebenbild“. Dieser Aspekt Gottes ist universal. Er ist jedem Menschen zugänglich, ob Jude oder Nichtjude. Aristoteles gelangte durch Logik und Metaphysik zu dieser Erkenntnis. Für ihn war Gott der „erste Beweger“, der das Universum in Bewegung setzte. Heute gelangen viele Menschen durch die Wissenschaft zu demselben Schluss: Das Universum ist zu präzise auf die Entstehung von Leben abgestimmt, als dass es durch Zufall entstanden sein könnte. Dies wird als das anthropische Prinzip bezeichnet. Andere gelangen zu dieser Erkenntnis weder durch Logik noch durch Wissenschaft, sondern durch ein schlichtes Empfinden von Ehrfurcht und Staunen. „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist“, sagte Wittgenstein. Dieser Aspekt Gottes wird in der Tora als Elokim bezeichnet.
Es gibt jedoch einen ganz anderen Aspekt Gottes, der im Tanach, der hebräischen Bibel, im Vordergrund steht. Hier begegnet uns Gott, wie Er am Schicksal einer bestimmten Familie, eines bestimmten Volkes beteiligt ist – der Kinder Israels. Er greift in ihre Geschichte ein. Am Sinai schließt Er mit ihnen einen detailliert festgelegten Bund, der sich deutlich von dem allgemeinen Bund unterscheidet, den Er nach der Sintflut mit Noah und der gesamten Menschheit geschlossen hatte. Der noachidische Bund ist schlicht und grundlegend. Laut den Weisen umfasst er lediglich sieben Gebote. Der Bund am Sinai hingegen ist äußerst detailliert ausgestaltet und erstreckt sich auf nahezu jeden denkbaren Lebensbereich. Dieser Aspekt Gottes wird durch die Verwendung des aus vier Buchstaben bestehenden Namens gekennzeichnet. Da dieser Name selbst heilig ist und nur vom Hohepriester ausgesprochen werden durfte, ersetzen wir ihn traditionell durch das Wort Haschem. [1]
Maimonides, der Philosoph, betonte den universalen, metaphysischen Aspekt des Judentums sowie die ewige, unveränderliche Existenz Gottes. Juda Halevi und Nachmanides – der eine Dichter, der andere Mystiker – waren hingegen empfänglicher für die partikularistische und prophetische Dimension des Judentums, für Gottes Rolle im geschichtlichen Drama des Bundes. Beide Auffassungen sind wahr und gültig. In diesem Fall kommen Halevi und Nachmanides der Bedeutung des biblischen Textes jedoch näher.
Das Judentum braucht beide Stimmen: den Philosophen, der uns lehrt, Gott in der Schöpfung zu suchen, und den Propheten, der uns lehrt, Ihn in der Geschichte zu finden. Wenn die Tora jedoch die Zehn Gebote einführt, stellt sie der Verkündung des Gesetzes zunächst einen Hinweis auf die Geschichte unserer Erlösung voran – eine Erinnerung an den Weg von der Befreiung hin zur Begründung einer Ordnung der Freiheit.

- Haben Sie jemals etwas aus der Geschichte gelernt, das Sie persönlich berührt hat? Hat dies die Art und Weise beeinflusst, wie Sie die Informationen aufgenommen haben?
- Wenn Sie in die Vergangenheit reisen könnten, um einen beliebigen Moment der jüdischen Geschichte mitzuerleben, welchen würden Sie wählen?
- Was ist der Unterschied zwischen dem Wissen von Fakten und dem Besitz von Weisheit?
[1] Zu den beiden Aspekten und Gottesnamen siehe Kusari IV:1–3 sowie Ramban zu Exodus 3:13.
With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.
“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks