Was zählt?

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Die dieswöchige Parascha beginnt mit der Fortsetzung der Volkszählung, die bereits im vorangegangenen Wochenabschnitt begonnen wurde – jenem Vorgang, der dem gesamten Buch seinen lateinischen Namen gab: „Numeri“, also „Zahlen“. Zwei Dinge erscheinen jedoch rätselhaft. Zum einen ist es der Vorgang selbst, die Tatsache, dass das Volk gezählt wird. Die jüdische Tradition vermittelt zwei sehr unterschiedliche und scheinbar widersprüchliche Haltungen gegenüber einer Volkszählung.

Raschi merkt an, dass dies nicht das erste Mal war, dass das Volk gezählt wurde. Als sie sich darauf vorbereiteten, Ägypten zu verlassen, war ihre Zahl bereits genannt worden: „etwa sechshunderttausend Mann zu Fuß, ohne die Frauen und Kinder“ (Exod. 12:37). Eine genauere Berechnung wurde durchgeführt, als jeder erwachsene Mann einen halben Schekel für den Bau des Heiligtums gab. Dabei ergab sich eine Gesamtzahl von 603.550 (Exod. 38:26). Nun fand eine dritte Zählung statt. Warum diese wiederholten Zählungen?

Raschis Antwort ist einfach und zugleich bewegend.

„Weil sie Ihm lieb und teuer sind, zählt Gott [die Kinder Israels] immer wieder. Er zählte sie, als sie im Begriff waren, Ägypten zu verlassen. Er zählte sie nach dem Goldenen Kalb, um festzustellen, wie viele von ihnen übrig geblieben waren. Und nun, da Er [mit der Einweihung des Heiligtums] im Begriff war, Seine Gegenwart unter ihnen ruhen zu lassen, zählte Er sie erneut“

Raschi zu Numeri 1:1 

Für Raschi war die Zählung des Volkes ein Ausdruck göttlicher Liebe. An anderer Stelle entsteht jedoch ein ganz anderer Eindruck. Im Gegenteil, die Tora betrachtet eine Volkszählung dort als äußerst gefährlich.

„Da sprach Gott zu Moses: ‚Wenn du die Zahl der Israeliten aufnimmst, so soll jeder bei der Zählung Gott ein Lösegeld für sein Leben geben, auf dass keine Plage über sie komme, wenn du sie zählst“

Exod. 30:11–12

Als König David Jahrhunderte später das Volk zählen ließ, kam es zu einem Augenblick göttlichen Zorns, in dessen Folge 70.000 Menschen starben. Es fällt schwer, die Vorstellung des Zählens als Akt der Liebe mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass eine Zählung große Gefahren birgt.

Ein weiterer Grund für Verwunderung ist die Formulierung, mit der die Tora den Vorgang des Zählens beschreibt: nasso et Rosch, wörtlich „erhebe das Haupt“. Im klassischen Hebräisch gibt es viele Verben, die das Zählen bezeichnen können: limnot, lifkod, lispor, lachschow. Warum greift die Tora in den Büchern Exodus und Numeri also auf die merkwürdige Umschreibung zurück, „die Häupter“ der Israeliten „zu erheben“?

Um die revolutionäre Veränderung zu verstehen, die die hebräische Bibel in die Welt brachte, müssen wir uns zunächst in die Folgen der Entstehung der Zivilisation für die Menschheit hineinversetzen. In den frühesten Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lebten die Menschen in kleinen Gruppen zusammen. Es gab noch keine Städte, keine Staaten und keine großen Bevölkerungskonzentrationen. Die Tora schreibt den Bau der ersten Stadt Kain zu [1]. Städte entstanden mit der Geburt der Landwirtschaft – in der fruchtbaren Schwemmlandebene Mesopotamiens zwischen Tigris und Euphrat sowie im gut bewässerten Nildelta.

Im Buch Genesis zeichnet die Tora zweimal das Bild einer urbanen Kultur: zuerst den Turm zu Babel, dann das Ägypten, in das Josef als Sklave gebracht wird. Beide Darstellungen sind äußerst kritisch. In Babel waren Menschenleben billig: Als der Turm gebaut wurde, so sagen unsere Weisen, bemerkte niemand, wenn ein Mensch hinunterfiel und starb. Fiel jedoch ein Ziegelstein hinunter, weinten sie. In Ägypten konnten ganze Bevölkerungsgruppen – darunter schließlich auch die Kinder Israels – zum Arbeitsdienst gezwungen werden, um Pyramiden, Tempel und Monumente zu errichten, von denen viele bis heute stehen.

Die Entstehung der Landwirtschaft und das Wachstum der Städte hatten gewaltige soziale Auswirkungen. Zum ersten Mal war es möglich, Überschussvermögen zu erwirtschaften und in Form von Geld aufzubewahren – zunächst in Edelmetallen wie Silber und Gold. Zugleich begann mit dem Anwachsen der Bevölkerung und der immer ausgefeilteren Arbeitsteilung eine gesellschaftliche Schichtung. Ungleichheit – tiefgreifend, allgegenwärtig und systemisch – wurde zu einem universalen Merkmal der frühesten Gesellschaften. An der Spitze stand der König, Kaiser oder Pharao, der als Gott oder Gotteskind galt und enorme Machtfülle in sich vereinte. Unter ihm beziehungsweise ihr standen die verschiedenen privilegierten Ränge: Hofkreise, Heerführer, Verwalter und Priester. Die breite Masse der Bevölkerung – arm, ungebildet und entbehrlich – war lediglich als Heer oder als Arbeitskraft für Bauprojekte von Bedeutung, eben als Masse, allein durch ihr zahlenmäßiges Gewicht. Darin lag die Bedeutung von Volkszählungen in der antiken Welt – und in dieser Hinsicht hat sich bis heute wenig verändert. Größe bedeutete Stärke, militärisch oder wirtschaftlich. Durch Volkszählungen erfuhren Herrscher, wie groß das Heer war, das sie aufstellen konnten, oder wie hoch die Einnahmen waren, die sie durch Steuern erzielen konnten.

Die Religion Israels ist ein fortwährender Protest gegen diese Sicht der menschlichen Lage – militärisch, politisch und wirtschaftlich. Aus der zeitlichen Distanz fällt es heute schwer, die atemberaubende Neuheit und die transformative Kraft jenes Ideenbündels voll zu ermessen, das aus einer einzigen Offenbarung hervorging: dass der Mensch als solcherob Mann oder Frau, reich oder arm, mächtig oder machtlos – ein Ebenbild Gottes ist und daher einen nicht verhandelbaren, nicht quantifizierbaren Wert besitzt. Jeder von uns ist gleichermaßen im Ebenbild Gottes geschaffen, daher stehen wir alle gleich vor Gott. Ein großer Teil der Tora, der jüdischen Geschichte und der Entwicklung der westlichen Zivilisation handelt davon, wie diese Idee nach und nach in Institutionen, gesellschaftliche Strukturen und ethische Normen umgesetzt wurde.

Nun sollte klar sein, worin die spirituelle Gefahr einer Volkszählung liegt. Das Zählen eines Volkes ist das stärkste Symbol dafür, dass der Mensch als Teil einer Masse betrachtet wird. In einer solchen Gesellschaft wird der Einzelne nicht um seiner selbst willen geschätzt, sondern als Teil einer Gesamtheit, deren Macht in Zahlen liegt. Genau das ist Israel nicht. Der Gott Israels, der Gott der ganzen Menschheit, schenkt Seine besondere Liebe einem Volk, dessen Stärke nicht in Zahlen begründet liegt; einem Volk, das sich nie zum Ziel setzt, ein Weltreich zu werden; einem Volk, dem nie geboten wird, heilige Kriege zu führen, um andere Völker zu bekehren; einem Volk, das klein war und klein geblieben ist – sowohl in absoluten Zahlen als auch im Verhältnis zu den Reichen, von denen es umgeben war und ist, gelegen an der verwundbaren Schnittstelle dreier Kontinente.

Damit sind unsere beiden Ausgangsfragen beantwortet. Es gibt einen Unterschied zwischen einer menschlichen Volkszählung und einer, die von Gott geboten wird. Davids Zählung war eine menschliche Volkszählung. Als zweiter König Israels hatte er die Grundlagen einer Nation gelegt. Er hatte erfolgreiche Kriege geführt, die Stämme vereint und Jerusalem zu seiner Hauptstadt gemacht. Kurz nach seinem Tod erreichte Israel den Höhepunkt seiner Macht im Nahen Osten. Unter Salomon wurde das Reich durch strategische Bündnisse zu einem Zentrum des Handels und der Gelehrsamkeit. Der Tempel wurde gebaut. Damals musste es den Anschein gehabt haben, als sei Israel nach Jahrhunderten des Umherwanderns und der Kriege zu einer Macht geworden, die es mit jeder anderen aufnehmen konnte. Doch dies war eine kurzlebige Illusion, die grausam zerschlagen wurde. Fast unmittelbar nach Salomons Herrschaft spaltete sich das Königreich in zwei Teile, und von da an war sein Schicksal besiegelt. Es begann eine Geschichte von Niederlagen, Exilen und Zerstörungen, die in den Annalen der Menschheit einzigartig ist. Die Hebräische Bibel irrt nicht, wenn sie den Ausgangspunkt dieses Niedergangs in dem Augenblick sieht, in dem David wie jeder andere König handelte und eine Volkszählung anordnete.

Eine göttliche Volkszählung ist etwas völlig anderes. Sie hat nichts mit Stärke durch Zahlen zu tun. Es geht vielmehr darum, jedem einzelnen Mitglied des Volkes zu vermitteln, dass er oder sie zählt, dass jeder Mensch, jede Familie, jeder Haushalt von Gott als kostbar angesehen wird, dass Unterschiede zwischen Groß und Klein, Herrschern und Beherrschten, Führenden und Geführten bedeutungslos sind und dass jeder von uns im Ebenbild Gottes geschaffen wurde und Gegenstand Seiner Liebe ist. Eine göttliche Volkszählung ist, wie Raschi sagt, eine Geste der Zuneigung. Deshalb kann sie nicht mit den üblichen Verben des Zählens beschrieben werden: limnot, lifkod, lispor, lachschow. Nur die Formulierung nasso et Rosch, „das Haupt erheben“, wird dieser Art des Zählens gerecht: Diejenigen, denen diese Aufgabe anvertraut ist, werden angewiesen, „das Haupt“ derer zu „erheben“, die sie zählen – damit jeder Einzelne aufrecht dasteht, in dem Wissen, von Gott geliebt, geschätzt und als etwas Besonderes angesehen zu werden und nicht bloß eine Nummer unter Tausenden und Millionen zu sein.

Es gibt einen wunderbaren Vers aus Psalm 147, den wir jeden Morgen im Gebet sprechen: „Er zählt die Sterne und ruft jeden von ihnen mit Namen.“ Ein Name ist ein Zeichen von Einzigartigkeit. Während Sammelbegriffe Dinge zu Gruppen zusammenfassen, unterscheiden Eigennamen sie als Individuen. Nur dem, was wir wertschätzen, geben wir einen Namen. Eines der erschütterndsten Zeichen der Entmenschlichung in den Vernichtungslagern Nazideutschlands war, dass die Menschen, die dorthin gebracht wurden, nie mit ihrem Namen angesprochen wurden. Stattdessen erhielten sie eine Nummer, die ihnen in die Haut tätowiert wurde.

Gott gibt selbst den Sternen ihre Namen – um wie viel mehr den Menschen, denen er sein Ebenbild verliehen hat. Er zählt uns, um uns zu zeigen, dass jeder Einzelne von uns zählt – nicht als Teil einer anonymen Masse, sondern um seiner selbst willen. Er „erhebt unser Haupt“ auf die tiefste dem Menschen bekannte Weise, indem Er jedem Einzelnen von uns Seine besondere, bleibende und unermessliche Liebe zusichert.

Dies ist das Wesen der Volkszählung im Buch Numeri. Als die Israeliten sich darauf vorbereiteten, eine Gesellschaft zu werden, in deren Mitte das Heiligtum – die sichtbare Wohnstätte der göttlichen Gegenwart – stehen sollte, mussten sie daran erinnert werden, dass sie Wegbereiter einer neuen, revolutionären Gesellschaftsordnung sein würden. Die berühmteste Definition dieser Ordnung formulierte der Prophet Sacharja, als die Israeliten sich anschickten, den zerstörten Tempel wieder aufzubauen:

„Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch Meinen Geist, spricht Gott“

Sacharja 4:6

[1]  Siehe Gen. 4:17.


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  1. Denken Sie an einen Moment, in dem Sie sich als Individuum gesehen und wertgeschätzt gefühlt haben. Was machte diesen Augenblick besonders?
  2. Auf welche Weise können soziale Medien Menschen das Gefühl geben, eher Zahlen als individuelle Persönlichkeiten zu sein?
  3. Was könnten Sie in dieser Woche konkret tun, um jemandem das Gefühl zu geben, dass er wirklich zählt?

With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.

“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks