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In Deuteronomium 24 begegnen wir erstmals der ausdrücklichen Formulierung eines Gesetzes von weitreichender Bedeutung:
„Eltern sollen nicht für ihre Kinder hingerichtet werden und Kinder sollen nicht für ihre Eltern hingerichtet werden. Ein jeder soll nur für seine eigene Sünde hingerichtet werden“.
Deut. 24:16
Es gibt überzeugende historische Belege dafür, was dieses Gesetz ausschließen sollte – die stellvertretende Bestrafung, also die Vorstellung, dass jemand anderes für meine Tat bestraft werden kann:
„So wird in den mittelassyrischen Gesetzen beispielsweise die Vergewaltigung einer Jungfrau, die nicht verlobt ist und im Haus ihres Vaters lebt, dadurch bestraft, dass die Frau des Vergewaltigers vergewaltigt wird und anschließend beim Vater des Opfers verbleibt. Hammurabi bestimmt, dass, wenn ein Mann eine schwangere Frau schlägt und dadurch eine Fehlgeburt verursacht, an deren Folgen sie stirbt, die Tochter des Angreifers hingerichtet wird. Wenn ein Baumeister ein Haus errichtet, das einstürzt und dabei den Sohn des Eigentümers tötet, wird der Sohn des Baumeisters – und nicht der Baumeister selbst – hingerichtet“.
Nahum Sarna, Exploring Exodus, S. 176
Wir haben außerdem Hinweise aus der Bibel selbst, die zeigen, wie das mosaische Gesetz angewandt wurde. Joasch, einer der rechtschaffenen Könige von Juda, versuchte, der Korruption unter den Priestern ein Ende zu setzen, und wurde von zwei seiner Beamten ermordet. Ihm folgte sein Sohn Amazja auf den Thron. Über ihn lesen wir Folgendes:
„Nachdem das Königtum fest in seiner Hand war, ließ er [Amazja] die Beamten hinrichten, die seinen Vater, den König, ermordet hatten. Doch die Söhne der Mörder ließ er nicht töten, entsprechend dem, was im Buch des Gesetzes des Moses geschrieben steht: ‚Eltern sollen nicht für ihre Kinder hingerichtet werden und Kinder sollen nicht für ihre Eltern hingerichtet werden. Vielmehr soll jeder nur für seine eigene Sünde hingerichtet werden‘“.
II. Könige 14:5–6
Die naheliegende Frage lautet jedoch: Wie lässt sich dieses Prinzip mit der in den fünf Büchern Moses viermal ausgesprochenen Vorstellung vereinbaren, dass Kinder für die Sünden ihrer Eltern leiden können?
„Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn, reich an Güte und Wahrheit, der Güte über Tausende von Generationen hinweg erweist, Sünde, Auflehnung und Verfehlung vergibt, den Schuldigen jedoch nicht ungestraft lässt und die Nachkommen für die Sünden der Väter zur Rechenschaft zieht, die Kinder und Enkel bis zur dritten und vierten Generation“.
Exod. 34:7; siehe auch Exod. 20:5; Num. 14:18; Deut. 5:8
Die kurze Antwort ist einfach: Es ist der Unterschied zwischen menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit. Wir sind nicht Gott. Wir können nicht in die Herzen der Übeltäter blicken und auch nicht die gesamten Folgen ihrer Taten ermessen. Es ist uns nicht gegeben, vollkommene Gerechtigkeit zu üben und das Übel, das einem Menschen als Strafe widerfährt, genau dem Übel entsprechen zu lassen, das er verursacht hat. Wir wüssten nicht einmal, wo wir anfangen sollten. Wie bestraft man einen Diktator, der für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich ist? Wie bemisst man das volle Ausmaß des Schadens, der durch Trunkenheit am Steuer verursacht wurde, wenn nicht nur das Opfer, sondern auch seine Familie für den Rest ihres Lebens betroffen ist? Wie beurteilen wir das Maß der Schuld jener Deutschen, die wussten, was während des Holocaust geschah, aber nichts taten oder sagten, um zu helfen? Moralische Schuld ist ein weitaus schwieriger anzuwendender Begriff als rechtliche Schuld.
Menschliche Gerechtigkeit muss sich innerhalb der Grenzen des menschlichen Verständnisses und der menschlichen Rechtsordnung bewegen. Daher gilt die klare Regel: Keine stellvertretende Bestrafung! Nur derjenige, der das Unrecht begangen hat, soll die Strafe tragen – und auch das erst, nachdem seine Schuld durch ein faires und unparteiisches Gerichtsverfahren festgestellt worden ist. Dieses grundlegende Prinzip wird erstmals in Deuteronomium 24:16 formuliert.
Damit war das Thema jedoch noch nicht abgeschlossen. Bei den Propheten Jeremia und Ezechiel finden wir eine ausdrückliche Ablehnung der Vorstellung, dass Kinder für die Sünden ihrer Eltern leiden könnten – selbst wenn dies im Zusammenhang mit göttlicher Gerechtigkeit steht. Hier spricht Jeremia im Namen Gottes:
„In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: ‚Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.‘ Stattdessen wird jeder für seine eigene Sünde sterben; wer saure Trauben isst, dessen eigene Zähne werden stumpf“.
Jeremia 31:29-30
Und dies aus Ezechiel:
„Das Wort Gottes erging an mich: ‚Was meint ihr denn damit, dass ihr dieses Sprichwort über das Land Israel zitiert: Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden. So wahr Ich lebe‘, spricht der Herr, Gott, ‚ihr sollt dieses Sprichwort in Israel nicht mehr zitieren. Denn jede lebende Seele gehört Mir, der Vater ebenso wie der Sohn – beide gehören Mir gleichermaßen. Die Seele, die sündigt, ist es, die sterben wird‘“.
Ezechiel 18:1-3
Der Talmud stellt die naheliegende Frage. Wenn Ezechiel recht hat, was geschieht dann mit der Vorstellung, dass Kinder bis zur dritten und vierten Generation bestraft werden können?
Seine Antwort ist erstaunlich:
„Rabbi Jose Ben Chanina sagte: Unser Lehrer Moses sprach vier [harte] Urteile über Israel aus, doch vier Propheten kamen und hoben sie auf … Moses sagte: ‚Er zieht die Nachkommen für die Sünden der Väter zur Rechenschaft, die Kinder und Enkel bis zur dritten und vierten Generation‘ (Exod. 34:7). Ezechiel kam und verkündete: ‚Die Seele, die sündigt, ist es, die sterben wird‘ (Ezechiel 18:4)“.
Babylonischer Talmud, Makkot 24a
Mose erließ eine Verfügung – und Ezechiel kam und hob sie auf! Offenkundig kann die Sache nicht so einfach sein. Schließlich war es nicht Moses, der dies verfügt hatte, sondern Gott selbst. Was meinen die Weisen also?
Ich denke, sie meinen Folgendes: Der Begriff der vollkommenen Gerechtigkeit übersteigt das menschliche Verständnis – aus den bereits genannten Gründen. Wir können das Maß der Schuld niemals vollständig erfassen. Ebenso wenig können wir das volle Ausmaß der Verantwortung ermessen. In der Mischna im Traktat Sanhedrin (4:5) wird ein Zeuge, der in Fällen, in denen die Todesstrafe droht, aussagen soll, eindringlich gewarnt: Wenn aufgrund einer falschen Aussage ein Mensch zu Unrecht zum Tode verurteilt würde, dann werde er, der Zeuge, „für sein [des Angeklagten] Blut und für das Blut seiner [potenziellen] Nachkommen bis ans Ende der Zeit zur Verantwortung gezogen”. Selbst wenn wir von göttlicher Vorsehung sprechen, ist es nicht immer möglich, zwischen Strafe und natürlicher Folge zu unterscheiden. Eine drogenabhängige Mutter bringt ein drogenabhängiges Kind zur Welt. Ein gewalttätiger Vater wird von seinem gewalttätigen Sohn angegriffen. Ist dies Vergeltung, Genetik oder der Einfluss des Umfelds? Wenn es um göttliche Gerechtigkeit im Gegensatz zur menschlichen Gerechtigkeit geht, gelangen wir, wenn überhaupt, nur über ein höchst rudimentäres Verständnis hinaus.
Aus Gottes Worten an Moses gehen zwei Dinge klar hervor. Erstens ist Er ein Gott des Erbarmens, aber auch der Gerechtigkeit, denn ohne Gerechtigkeit herrscht Anarchie. Ohne Erbarmen gibt es jedoch weder Menschlichkeit noch Hoffnung. Zweitens übersteigt Gottes Erbarmen Seine Gerechtigkeit bei Weitem. Ersteres währt für immer („über Tausende [von Generationen hinweg]“). Letztere ist auf die Lebenszeit des Sünders begrenzt. Die „dritte und vierte Generation“ – Enkel und Urenkel – bilden die äußerste Grenze der Nachkommenschaft, die ein Mensch im Laufe seines Lebens noch zu sehen erwarten kann.
Jeremia und Ezechiel sprechen jedoch von etwas anderem. Sie sprechen über das Schicksal des Volkes. Beide lebten und wirkten zur Zeit des babylonischen Exils. Sie kämpften gegen eine Stimmung der Verzweiflung im Volk an. „Was können wir tun? Wir werden für die Sünden unserer Vorfahren bestraft.“ Dem ist nicht so, sagten die Propheten. Jede Generation hält ihr Schicksal selbst in den Händen. Kehret um, und euch wird vergeben werden, ganz gleich, welche Sünden in der Vergangenheit begangen wurden – eure eigenen oder die eurer Vorfahren.
Gerechtigkeit ist ein komplexes Phänomen – göttliche Gerechtigkeit ist dies in unendlich höherem Maße. Eines ist jedoch klar. Wenn es um menschliche Gerechtigkeit geht, sind sich Moses, Jeremia und Ezechiel einig: Kinder dürfen nicht für die Sünden ihrer Eltern bestraft werden. Stellvertretende Bestrafung ist schlicht ungerecht.

- Kann Gerechtigkeit jemals vollkommen fair sein? Oder liegt absolute Gerechtigkeit jenseits des menschlichen Verständnisses?
- Wie können wir Gerechtigkeit und Mitgefühl miteinander in Einklang bringen, wenn wir entscheiden, wie mit einem Menschen umgegangen werden soll?
- Können sich Menschen wirklich von den Fehlern früherer Generationen lösen? Und wann, wenn überhaupt, sollte jemand für die Taten seiner Eltern verantwortlich gemacht werden?
With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.
“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks