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Der Wochenabschnitt Ki Tawo beginnt mit der Zeremonie, bei der die Erstlingsfrüchte zum Tempel gebracht wurden. Die Mischna beschreibt den genauen Ablauf dieses Rituals:
„Diejenigen, die in der Nähe Jerusalems wohnten, brachten frische Feigen und Trauben, während diejenigen, die weiter entfernt wohnten, getrocknete Feigen und Rosinen brachten. Vor ihnen her ging der Ochse, die Hörner mit Gold bedeckt, und einen Kranz aus Olivenblättern auf dem Kopf tragend.“
„Solange sie sich Jerusalem näherten, wurde vor ihnen die Flöte gespielt. Als sie in die Nähe kamen, sandten sie Boten voraus und schmückten ihre Erstlingsfrüchte. Die Vorsteher, die Verwalter und die Schatzmeister des Tempels gingen hinaus, um sie zu empfangen. In dieser Reihenfolge zogen sie ihnen, je nach der Ehre, die den Ankommenden gebührte, entgegen. Alle Handwerker Jerusalems pflegten sich vor ihnen zu erheben und sie zu begrüßen, indem sie sagten: ‚Brüder, Männer aus dem und dem Ort, seid willkommen‘“.
Mischna Bikkurim 3:3
Vor ihnen wurde die Flöte gespielt, bis sie den Tempelberg erreichten. Als sie dort ankamen, nahm sogar König Agrippa seinen Korb auf die Schulter und trug ihn bis in den Tempelvorhof hinein. Es war eine eindrucksvolle Zeremonie. Im historischen Kontext jedoch lag ihr bedeutendster Aspekt in der Erklärung, die jeder Einzelne machen musste:
„Mein Vater war ein umherziehender Aramäer, und er zog mit wenigen Menschen nach Ägypten hinab, lebte dort und wurde zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk … Dann führte uns Gott mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus Ägypten heraus, mit großem Schrecken und mit wundersamen Zeichen und Wundern“.
Deut. 26:5–10
Diese Passage ist wohlbekannt. Sie wurde zu jenem Text, der am Seder-Abend zu Beginn von Pessach in der Haggada ausführlich erklärt wird. Ihre Vertrautheit sollte uns jedoch nicht den Blick auf ihren revolutionären Charakter verstellen. Wenn wir diese Worte hören, werden wir Zeugen einer der größten Revolutionen in der Geschichte des Denkens.
Die Menschen der Antike sahen die Götter in der Natur – nirgends stärker als in ihrem Denken über die Ernte und alles, was damit verbunden war. Die Natur verändert sich nicht. Ihre Zeit verläuft zyklisch: die Jahreszeiten, der Umlauf der Planeten, der Kreislauf von Geburt, Tod und neuem Leben. Wenn die Menschen der Antike über die Vergangenheit nachdachten, dann war es keine historische, sondern eine mythische, metaphysische oder kosmologische Vergangenheit – jene uranfängliche Zeit, in der die Welt aus dem Kampf der Elemente hervorging.
Genau das ist im alten Israel nicht geschehen. Es hätte aber auch anders sein können. Wenn das Judentum eine andere Art von Religion gewesen wäre, hätten diejenigen, die die Erstlingsfrüchte brachten, vielleicht ein Loblied auf Gott als den Urheber der Schöpfung und Erhalter des Lebens gesungen. Im Buch der Psalmen finden wir mehrere solcher Lieder:
„Singet Gott mit Danksagung, spielt unserem Gott auf der Harfe. Er bedeckt den Himmel mit Wolken, Er versorgt die Erde mit Regen und lässt Gras auf den Hügeln wachsen“.
Psalm 147:7–8
Die Bedeutung der Erstlingsfrüchte-Erklärung liegt darin, dass es in ihr nicht um Natur, sondern um Geschichte geht, genauer gesagt: um eine knappe Skizze der Abfolge von Ereignissen, die von den Tagen der Patriarchen über den Auszug aus Ägypten bis zur Eroberung des Landes reicht. Yosef Hayim Yerushalmi hat die damit verbundene geistige Umwälzung am treffendsten analysiert:
„Es war das alte Israel, das der Geschichte erstmals eine entscheidende Bedeutung beimaß und damit eine neue Weltanschauung schuf … Plötzlich verlagerte sich die entscheidende Begegnung zwischen Mensch und Göttlichem gleichsam aus dem Bereich der Natur und des Kosmos auf die Ebene der Geschichte, die fortan im Sinne göttlicher Herausforderung und menschlicher Antwort verstanden wurde … Im alten Israel sind Rituale und Feste nicht länger in erster Linie Wiederholungen mythischer Urbilder, die dazu bestimmt sind, die historische Zeit aufzuheben. Wenn sie an die Vergangenheit erinnern, dann nicht an die uranfängliche, sondern an die historische Vergangenheit, in der sich die großen und entscheidenden Augenblicke der Geschichte Israels vollzogen … Nur in Israel und nirgendwo sonst wird das Gebot, sich zu erinnern, als religiöser Imperativ für ein ganzes Volk empfunden“.
Zachor: Jewish History and Jewish Memory, S. 8–9
Diese Geschichte war keine akademische Angelegenheit und nicht die Domäne von Gelehrten oder einer literarischen Elite. Sie gehörte allen. Die Erklärung wurde von jedem gesprochen. Die Geschichte des eigenen Volkes zu kennen, war ein wesentlicher Bestandteil der Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft. Und nicht nur das: Sie wurde auch in der ersten Person erzählt: „Mein Vater … Dann führte uns Gott aus Ägypten heraus … Er brachte uns an diesen Ort.“ Es ist diese Verinnerlichung der Geschichte, die unsere Weisen zu folgender Aussage veranlasste: „In jeder Generation soll sich jeder Mensch so betrachten, als wäre er persönlich aus Ägypten ausgezogen“ (Mischna Pessachim 10:5). So wird Geschichte in Erinnerung verwandelt.
Jude zu sein bedeutet, Teil einer Geschichte zu sein, die sich über vierzig Jahrhunderte und nahezu jedes Land auf der Erde erstreckt. Wie Isaiah Berlin es formulierte:
„Alle Juden, die sich ihrer Identität als Juden überhaupt bewusst sind, sind tief von Geschichte geprägt. Sie haben eine längere Erinnerung und sind sich einer längeren Kontinuität als Gemeinschaft bewusst als jede andere überlebende Gemeinschaft … Welche anderen Faktoren auch immer in jene einzigartige Verbindung eingegangen sein mögen, die – wenn auch nicht immer von den Juden selbst, so doch zumindest vom Rest der Welt – sofort als charakteristisch für das jüdische Volk erkannt wird, so gehört das historische Bewusstsein, das Gefühl der Kontinuität mit der Vergangenheit, zu den stärksten“.
Against the Current, S. 252
Obwohl das Judentum das Individuum hervorhebt, hat es ein ganz eigenes Verständnis davon, was einen Menschen als Individuum ausmacht. Wir sind nicht allein. Im Judentum gibt es keine Vorstellung vom atomisierten Individuum – vom Selbst an und für sich –, wie wir sie in der westlichen Philosophie seit Hobbes finden. Unsere Identität ist stattdessen horizontal mit anderen Menschen verbunden: mit unseren Eltern, unserem Ehepartner, unseren Kindern, Nachbarn, den Mitgliedern unserer Gemeinschaft, unseren Mitbürgern sowie unseren jüdischen Brüdern und Schwestern. Zugleich sind wir vertikal mit den Menschen verbunden, die vor uns lebten und deren Geschichte wir zu unserer eigenen machen. Jude zu sein bedeutet, ein Glied in der Kette der Generationen zu sein, eine Figur in einem Drama, das lange vor unserer Geburt begann und noch lange nach unserem Tod weitergehen wird.
Das Judentum besteht darauf, dass Erinnerung für die Identität unerlässlich ist. Wir kommen nicht aus dem Nichts, und unsere Geschichte endet nicht mit uns. Wir sind Blätter an einem uralten Baum, Kapitel in einer langen Geschichte, die noch immer weitergeschrieben wird. Wir sind ein Buchstabe in der Schriftrolle des Volkes des Buches.
Dieses historische Bewusstsein ist von großer Tragweite. Es spiegelt eine der großen Themen der Bibel wider: die Tatsache, dass Menschen Zeit brauchen, um zu lernen, zu wachsen, sich über unsere oft gestörten und zerstörerischen Instinkte zu erheben, moralische und spirituelle Reife zu erreichen und eine Gesellschaft der Würde und Großzügigkeit zu schaffen. Deshalb erstreckt sich der Bund über die Zeit und deshalb waren den Weisen zufolge die einzigen hinreichenden Bürgen für den Bund am Berg Sinai die noch ungeborenen Kinder.
Das ist so nah, wie wir der Unsterblichkeit auf Erden nur kommen können: zu wissen, dass wir die Hüter der Hoffnungen unserer Vorfahren und die Treuhänder des Bundes um der Zukunft willen sind. Genau das geschah zur Zeit des Tempels, als die Menschen ihre Erstlingsfrüchte nach Jerusalem brachten. Anstatt die Natur zu feiern, feierten sie die Geschichte ihres Volkes – von den Tagen, als „mein Vater ein umherziehender Aramäer war“, bis in die Gegenwart. Wie Moses in einigen seiner letzten Worte an die Nachwelt sagte:
„Gedenke der Tage der Vorzeit, bedenke die Generationen längst vergangener Zeiten. Frag deinen Vater, und er wird es dir erzählen; deine Ältesten werden es dir erklären“.
Deut. 32:7
Jude zu sein, bedeutet zu wissen, dass die Geschichte unseres Volkes in uns weiterlebt.

- Wie prägt uns das Wissen darum, woher wir kommen, wer wir sind und welche Entscheidungen wir heute treffen?
- Was könnte der Grund dafür sein, dass das Judentum einen so großen Wert auf die Erinnerung an die Vergangenheit legt?
- Was bedeutet es, sich selbst als „Glied in der Kette der Generationen“ zu sehen, und welche Verantwortung könnte sich daraus ergeben?
With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.
“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks