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In dem erhabenen Lied, mit dem sich Moses an die Gemeinde wendet, lädt er das Volk ein, sich die Tora – ihren Bund mit Gott – wie den Regen vorzustellen, der den Erdboden bewässert, sodass dieser seinen Ertrag hervorbringt:
„Wie Regen falle meine Lehre, Wie Tau meine Worte nieder; Wie sanfter Regen auf zarte Pflanzen, gleich einem Schauer auf das Gras“.
Deut. 32:2
Gottes Wort ist wie Regen in einem trockenen Land. Es bringt Leben. Es lässt Dinge wachsen. Vieles können wir aus eigener Kraft tun. Wir können die Erde pflügen und die Samen aussäen. Doch letztlich hängt unser Erfolg von etwas ab, das außerhalb unserer Kontrolle liegt. Wenn kein Regen fällt, wird es keine Ernte geben – ganz gleich, welche Vorbereitungen wir treffen. So verhält es sich auch mit Israel. Es darf niemals der Anmaßung verfallen und sagen:
„Meine Kraft und die Stärke meiner eigenen Hand haben mir diesen großen Reichtum verschafft“.
Deut. 8:17
Die Weisen erkannten in diesem Vergleich jedoch noch etwas Weiteres. Der Sifre, eine Sammlung von Kommentaren zu Numeri und Deuteronomium, die auf die Zeit der Mischna zurückgeht, formuliert es wie folgt:
„‚Wie Regen falle meine Lehre‘: So wie der Regen ein und derselbe ist und doch auf verschiedene Bäume fällt und jeden von ihnen dazu befähigt, wohlschmeckende Früchte hervorzubringen – den Weinstock auf seine Weise, den Olivenbaum auf seine Weise und die Dattelpalme auf ihre Weise –, so ist auch die Tora eine und doch bringen ihre Worte die Schrift, die Mischna, Rechtsbestimmungen und erzählerische Auslegungen hervor. ‚Wie sanfter Regen auf zarte Pflanzen‘: So wie Regenschauer Pflanzen wachsen lassen – die einen grün, die anderen rot, schwarz oder weiß –, so bringen die Worte der Tora Lehrer, würdige Menschen, Weise, Gerechte und Fromme hervor“.
Sifre, Ha’asinu 306
Es gibt nur eine Tora, die jedoch vielfältige Wirkungen entfaltet. Sie bringt unterschiedliche Arten der Lehre und unterschiedliche Formen der Tugend hervor. Von ihren Kritikern wird die Tora bisweilen als übermäßig vorschreibend betrachtet, als wolle sie alle Menschen gleichmachen. Der Midrasch vertritt die gegenteilige Auffassung. Die Tora wird mit Regen verglichen, um zu betonen, dass ihre wichtigste Wirkung darin besteht, jeden von uns zu dem heranwachsen zu lassen, was er werden kann. Wir sind nicht alle gleich, und die Tora strebt auch keine Gleichförmigkeit an. Wie es in einer bekannten Mischna heißt:
„Wenn ein Mensch viele Münzen mit demselben Prägestempel prägt, sind sie alle gleich. Gott erschafft jeden Menschen nach demselben Bild – Seinem Bild –, und doch gleicht keiner dem anderen“.
Mischna Sanhedrin 4:5
Diese Betonung der Verschiedenheit ist ein wiederkehrendes Thema im Judentum. Als Moses Gott beispielsweise darum bittet, seinen Nachfolger zu bestimmen, verwendet er eine ungewöhnliche Formulierung: „Möge der Ewige, der Gott der Geister der gesamten Menschheit, einen Mann über die Gemeinde einsetzen“ (Num. 27:16). Dazu kommentiert Raschi:
„Warum wird dieser Ausdruck – ‚Gott der Geister der gesamten Menschheit‘ – verwendet? [Moses] sprach zu Ihm: ‚Herr der Welt, Du kennst den Charakter jedes einzelnen Menschen und weißt, dass keine zwei Menschen einander gleichen. Setze daher einen Führer über sie ein, der jedem Menschen entsprechend seiner Wesensart mit Verständnis begegnet‘“.
Raschi zu Num. 27:16
Eine der grundlegenden Anforderungen an eine Führungspersönlichkeit im Judentum ist die Fähigkeit, Unterschiede zwischen Menschen zu respektieren. Maimonides betont diesen Gedanken im Führer der Unschlüssigen:
„Wie bekannt, ist der Mensch die höchste Form der Schöpfung und umfasst daher die größte Zahl an Bestandteilen. Aus diesem Grund weist das Menschengeschlecht eine so große Vielfalt an Individuen auf, dass wir keine zwei Menschen finden können, die hinsichtlich irgendeiner Charaktereigenschaft oder ihres äußeren Erscheinungsbildes völlig gleich sind. Diese große Vielfalt und die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Lebens sind wesentliche Bestandteile der menschlichen Natur. Doch das Wohlergehen der Gesellschaft erfordert einen Führer, der in der Lage ist, das Handeln der Menschen zu ordnen. Er muss jeden Mangel ausgleichen, jedes Übermaß beseitigen und Regeln für das Verhalten aller festlegen. So wird die natürliche Vielfalt durch die Einheitlichkeit der Gesetzgebung ausgeglichen und die gesellschaftliche Ordnung kann fest begründet werden“.
Maimonides, Führer der Unschlüssigen II:40
Maimonides zufolge besteht das politische Problem darin, die Angelegenheiten der Menschen so zu ordnen, dass ihre Individualität gewahrt bleibt, ohne dabei Chaos entstehen zu lassen. Ein ähnlicher Gedanke ergibt sich aus einer überraschenden rabbinischen Lehre:
„Unsere Weisen lehrten: Wenn man eine Menschenmenge aus Israel sieht, spricht man: ‚Gesegnet sei Er, der die Geheimnisse erkennt‘ – denn der Geist eines jeden Menschen unterscheidet sich von dem der anderen, so wie sich auch das Gesicht eines jeden Menschen von dem der anderen unterscheidet“.
Berachot 58a
Man hätte erwartet, dass ein Segensspruch die Größe und Masse einer Menschenmenge betont, also die Menschen in ihrer Gesamtheit. [1] Eine Menschenmenge ist eine Gruppe, in der die Individualität der einzelnen Gesichter verloren geht. Der Segensspruch hebt jedoch das Gegenteil hervor: Jedes Mitglied einer Menschenmenge bleibt ein Individuum mit eigenen Gedanken, Hoffnungen, Ängsten und Bestrebungen.
Dasselbe galt für das Verhältnis der Weisen untereinander. Eine Mischna lehrt:
„Als Rabbi Meir starb, gab es keine Verfasser von Gleichnissen mehr. Als Ben Asai starb, gab es keine eifrigen Schüler mehr. Als Ben Soma starb, gab es keine Ausleger mehr … Als Rabbi Akiva starb, schwand die Ehre der Tora. Als Rabbi Chanina Ben Dosa starb, gab es keine Männer der Tat mehr. Als Rabbi Jose Ketanta starb, gab es keine Frommen mehr … Als Rabban Jochanan Ben Sakai starb, schwand der Glanz der Weisheit … Als Rabban Gamliel der Ältere starb, schwanden Demut, Reinheit und die Furcht vor der Sünde“.
Mischna Sota 9:15
Es gab kein einheitliches Muster dafür, wie ein Weiser zu sein hatte. Jeder besaß seine eigenen besonderen Vorzüge und leistete einen unverwechselbaren Beitrag zum gemeinsamen Erbe. In dieser Hinsicht führten die Weisen lediglich die Tradition der Tora fort. Im Tanach gibt es kein einheitliches Vorbild für religiöse Helden und Heldinnen. Die Stammväter und ‑mütter hatten jeweils einen eigenen, unverwechselbaren Charakter. Auch Moses, Aaron und Miriam treten als unterschiedliche Persönlichkeitstypen hervor. Könige, Priester und Propheten hatten in der israelitischen Gesellschaft unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen. Selbst unter den Propheten, so sagten die Weisen, gilt: „Keine zwei prophezeien im selben Stil“ (Sanhedrin 89a). Elia war eifernd, Elisa sanft. Hosea sprach von Liebe, Amos von Gerechtigkeit. Die Visionen Jesajas waren einfacher und weniger schwer zu durchdringen als die Ezechiels.
Das gilt sogar für die Offenbarung am Sinai selbst. Jeder Einzelne hörte dieselben Worte mit einer anderen Färbung.
„‚Die Stimme Gottes ist voll Kraft‘ (Psalm 29:4). Das bedeutet, entsprechend der Kraft jedes Einzelnen – der Jungen, der Alten und der Allerkleinsten –, eines jeden gemäß seiner Kraft [zu verstehen]. Gott sprach zu Israel: ‚Glaubt nicht, dass es viele Götter im Himmel gibt, nur weil ihr viele Stimmen gehört habt. Wisset, dass Ich allein der Ewige, euer Gott, bin“.
Schemot Raba 29:1
Laut dem Maharsha gibt es 600.000 Auslegungen der Tora. Jeder einzelne Mensch ist theoretisch dazu fähig, eine einzigartige Einsicht in ihre Bedeutung zu gewinnen. Der französische Philosoph Emmanuel Levinas bemerkte dazu:
„Die Offenbarung besitzt eine besondere Art, Bedeutung hervorzubringen, die darin besteht, das Einzigartige in mir anzusprechen. Es ist, als wäre eine Vielzahl von Menschen die Voraussetzung für die Fülle der ‚absoluten Wahrheit‘, als wäre jeder Mensch kraft seiner eigenen Einzigartigkeit imstande, die Offenbarung eines einzigartigen Aspekts der Wahrheit zu gewährleisten. Manche Facetten der Wahrheit wären somit niemals offenbart worden, wenn bestimmte Menschen der Menschheit gefehlt hätten“.
Emmanuel Levinas, Revelation in the Jewish Tradition [2]
Kurz gesagt betont das Judentum die andere Seite des Grundsatzes E pluribus unum – „Aus vielen eines“. Das Judentum sagt vielmehr: „Aus dem Einen viele.“
Das Wunder der Schöpfung besteht darin, dass die Einheit im Himmel Vielfalt auf Erden hervorbringt. Die Tora ist der Regen, der diese Vielfalt nährt und es jedem von uns ermöglicht, zu dem zu werden, was nur er selbst sein kann.
[1] Siehe Elias Canetti, Masse und Macht (Hamburg, Claassen-Verlag, 1960).
[2] Emmanuel Levinas, Revelation in the Jewish Tradition, in The Levinas Reader, hrsg. von Sean Hand (Oxford, Wiley-Blackwell, 2001), S. 190–210.

- Wie kann die Tora verschiedenen Menschen dabei helfen, sich auf unterschiedliche Weise zu entfalten, statt sie alle gleichzumachen?
- „Aus dem Einen viele.“ Was lehrt uns dieser Gedanke über Individualität?
- Wie kann eine Gemeinschaft geeint bleiben und zugleich zulassen, dass ihre Mitglieder sehr unterschiedlich sind?
With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.
“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks