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In seiner Aufzählung der verschiedenen Führungsrollen, die nach seinem Tod innerhalb des Volkes Gestalt annehmen würden, erwähnt Moses neben dem Priester/Richter und dem König auch den Propheten:
„Der Ewige, dein Gott, wird dir aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, einen Propheten wie mich erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören“.
Deut. 18:15
Moses sollte nicht der letzte Prophet sein. Er würde Nachfolger haben. Historisch gesehen war dies tatsächlich der Fall. Von den Tagen Samuels bis zur Zeit des Zweiten Tempels brachte jede Generation Männer und Frauen hervor, die mit außerordentlicher Courage Gottes Wort verkündeten und nicht davor zurückschreckten, Könige zu tadeln, Priester zu kritisieren oder eine ganze Generation wegen ihres Mangels an Glauben und moralischer Integrität zurechtzuweisen.
Dabei stellte sich jedoch eine naheliegende Frage: Wie erkennt man einen wahren Propheten von einem falschen? Im Gegensatz zu Königen oder Priestern bezogen Propheten ihre Autorität nicht aus einem formellen Amt. Sie beruhte auf ihrer Persönlichkeit, ihrer Fähigkeit, dem Wort Gottes Ausdruck zu verleihen, und ihrer offenkundigen Inspiration. Doch gerade weil ein Prophet einen privilegierten Zugang zu dem Wort besitzt, das andere nicht hören können, und zu den Visionen, die andere nicht sehen können, bestand die reale Möglichkeit falscher Propheten – wie die Propheten des Baals in den Tagen König Ahabs. Charismatische Autorität wirkt ihrem Wesen nach destabilisierend. Was hätte eine betrügerische – oder auch nur eine irrende, aber aufrichtige – Gestalt daran hindern können, Zeichen und Wunder zu vollbringen, das Volk durch die Macht ihrer Worte zu bewegen, die Nation in die falsche Richtung zu führen, andere irrezuleiten und vielleicht sogar sich selbst?
Diese Frage hat mehrere Dimensionen. In unserem Wochenabschnitt wird besonders auf eine davon eingegangen: die Fähigkeit des Propheten, die Zukunft vorauszusagen. Moses formuliert es wie folgt:
„Vielleicht sagst du dir: ‚Woran sollen wir erkennen, dass eine Botschaft nicht von Gott gesprochen wurde?‘ Wenn das, was ein Prophet im Namen Gottes verkündet, nicht eintrifft oder sich nicht bewahrheitet, dann ist dies eine Botschaft, die Gott nicht gesprochen hat. Der Prophet hat vermessen gesprochen. Du brauchst dich vor ihm nicht zu fürchten“.
Deut. 18:21–22
Auf den ersten Blick scheint die Prüfung einfach: Trifft das ein, was der Prophet voraussagt, ist er ein wahrer Prophet. Tut es das nicht, ist er es nicht. Offensichtlich war es jedoch nicht ganz so einfach.
Das klassische Beispiel hierfür ist das Buch Jona. Jona erhält von Gott den Auftrag, die Bewohner Ninives zu warnen, dass ihr frevelhaftes Verhalten bald Unheil über sie bringen wird. Jona versucht zu fliehen, doch es gelingt ihm nicht. Es folgt die bekannte Geschichte vom Meer, vom Sturm und vom „großen Fisch“. Schließlich begibt sich Jona nach Ninive und spricht die Worte aus, die Gott ihm aufgetragen hat: „Noch vierzig Tage, dann wird Ninive zerstört“ (Jona 3:4). Das Volk tut Buße und die Stadt wird verschont. Jona jedoch ist zutiefst unzufrieden:
„Doch Jona missfiel dies sehr und er wurde zornig. Er betete zu Gott: ‚Ach, Ewiger, ist das nicht genau das, was ich schon sagte, als ich noch daheim war? Deshalb wollte ich so schnell nach Tarsis fliehen. Ich wusste, dass Du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Liebe, ein Gott, der sich des Unheils gereuen lässt. Nun denn, o Gott, nimm mir mein Leben, denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben‘“.
Jona 4:1–3
Jonas Klage lässt sich auf zweierlei Weise verstehen. Zum einen war er unglücklich darüber, dass Gott dem Volk vergeben hatte. Schließlich waren sie verdorben. Sie verdienten es, bestraft zu werden. Warum befreite sie also ein bloßer Sinneswandel von der Strafe, die ihnen gebührte?
Zweitens stand er nun wie ein Narr da. Er hatte ihnen gesagt, dass die Stadt in vierzig Tagen zerstört werden würde. Doch das geschah nicht. Durch Gottes Barmherzigkeit wurde seine Vorhersage zunichte gemacht.
Jona ist zu Unrecht unzufrieden, das steht außer Frage. In der rhetorischen Frage, mit der das Buch endet, sagt Gott: „Sollte Ich Mich nicht um jene große Stadt sorgen?“ (Jona 4:11). Sollte Ich nicht barmherzig sein? Sollte Ich nicht vergeben? Was wird dann aus dem Kriterium, das Moses zur Unterscheidung zwischen einem wahren und einem falschen Propheten festlegt: „Wenn das, was ein Prophet im Namen Gottes verkündet, nicht eintrifft oder sich nicht bewahrheitet, dann ist dies eine Botschaft, die Gott nicht gesprochen hat“ (Deut. 18:22)? Jona hatte verkündet, dass die Stadt in vierzig Tagen zerstört werden würde. Sie wurde nicht zerstört, und dennoch war die Verkündigung wahr. Er hatte tatsächlich das Wort Gottes gesprochen. Wie kann das sein?
Die Antwort findet sich im Buch Jeremia. Der Prophet Jeremia hatte nationales Unheil prophezeit. Das Volk hatte sich von seiner religiösen Berufung entfernt und würde deshalb Niederlage und Exil erleiden. Für die Menschen war dies eine schwer zu ertragende und entmutigende Botschaft. Da trat ein falscher Prophet namens Chananja, der Sohn Asurs, auf und verkündete das Gegenteil. Babylon, Israels Feind, werde schon bald besiegt werden. Innerhalb von zwei Jahren werde die Krise vorüber sein. Jeremia wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach und dass Chananja dem Volk sagte, was es hören wollte, statt das, was es hören musste. Er wandte sich an das versammelte Volk:
„Und der Prophet Jeremia sagte: ‚Amen!‘ Möge Gott es so tun! Möge Gott die Worte erfüllen, die du prophezeit hast, indem Er die Geräte des Hauses Gottes und alle Verbannten aus Babylon an diesen Ort zurückbringt. Doch höre nun, was ich vor deinen Ohren und vor den Ohren des ganzen Volkes zu sagen habe: Seit jeher haben die Propheten, die vor uns lebten, vielen Ländern und großen Königreichen Krieg, Unheil und Pest prophezeit. Doch ein Prophet, der Frieden prophezeit, wird erst dann als von Gott gesandt anerkannt, wenn seine Vorhersage eintrifft“.
Jeremia 28:6–9
Jeremia trifft eine grundlegende Unterscheidung zwischen guten und schlechten Nachrichten. Es ist leicht, Unheil zu prophezeien. Trifft die Prophezeiung ein, hat der Prophet die Wahrheit gesprochen. Bewahrheitet sie sich nicht, kann erklärt werden: Gott ließ sich umstimmen und vergab. Eine negative Prophezeiung lässt sich nicht widerlegen, eine positive hingegen schon. Tritt das vorausgesehene Gute ein, dann ist die Prophezeiung wahr. Tritt es jedoch nicht ein, lässt sich dies nicht damit erklären, dass „Gott Seine Meinung geändert habe“, denn Gott nimmt eine Verheißung von Gutem, Frieden oder Rückkehr nicht zurück.
Nur wenn ein Prophet eine positive Vision verkündet, kann er auf die Probe gestellt werden. Jona irrte sich deshalb, als er glaubte, versagt zu haben, weil seine negative Prophezeiung, die Zerstörung Ninives, nicht eingetroffen war. Maimonides formuliert es wie folgt:
„Was von einem Propheten vorhergesagte Katastrophen betrifft – wenn er beispielsweise den Tod einer bestimmten Person vorhersagt oder eine Hungersnot oder einen Krieg in einem bestimmten Jahr ankündigt , so widerlegt das Nicht-Eintreffen seiner Vorhersage nicht seinen prophetischen Charakter. Wir dürfen nicht sagen: ‚Siehe, er hat gesprochen, doch seine Vorhersage ist nicht eingetroffen.‘ Denn Gott ist langmütig und reich an Güte und lässt Sich des Unheils gereuen. Es kann auch sein, dass diejenigen, denen das Unheil angedroht wurde, Buße taten und ihnen deshalb vergeben wurde, wie es den Bewohnern Ninives erging. Ebenso ist es möglich, dass die Vollstreckung des Urteils lediglich aufgeschoben wurde, wie im Falle Ezechiels. Wenn jedoch ein Prophet im Namen Gottes Gutes verheißt und erklärt, dass ein bestimmtes Ereignis eintreten werde, der versprochene Segen aber nicht Wirklichkeit geworden ist, so ist er zweifellos ein falscher Prophet. Denn kein vom Allmächtigen verheißener Segen wird jemals zurückgenommen, selbst wenn er nur unter einer Bedingung zugesagt wurde … Daraus lernen wir, dass ein Prophet nur dann geprüft werden kann, wenn er Gutes voraussagt“.
Mischne Tora, Hilchot Jessode Hatora 10:4
Daraus ergeben sich grundlegende Schlussfolgerungen. Ein Prophet ist kein Wahrsager und eine Prophezeiung ist keine Vorhersage. Gerade weil das Judentum an den freien Willen glaubt, kann die Zukunft des Menschen niemals unfehlbar vorausgesagt werden. Der Mensch ist fähig, sich zu ändern. Gott vergibt. Wie wir in unseren Gebeten an den Hohen Feiertagen sagen: „Gebet (Tefila), Umkehr (Teschuwa) und Wohltätigkeit (Zedaka) wenden das böse Urteil ab.“ Es gibt keinen göttlichen Beschluss, der nicht widerrufen werden kann. Ein Prophet sagt die Zukunft nicht voraus. Er warnt. Ein Prophet spricht nicht, um eine künftige Katastrophe vorherzusagen, sondern um sie abzuwenden. Wenn sich eine Vorhersage bewahrheitet, war sie erfolgreich. Wenn eine Prophezeiung eintritt, ist sie gescheitert.
Die zweite Konsequenz ist nicht weniger weitreichend. Denn die eigentliche Prüfung einer Prophezeiung liegt nicht in schlechten, sondern in guten Nachrichten. Unheil, Katastrophen und Verderben beweisen hingegen nichts. Solche Dinge kann jeder voraussagen, ohne seinen Ruf oder seine Autorität aufs Spiel zu setzen. Erst durch die Verwirklichung einer positiven Vision wird eine Prophezeiung auf die Probe gestellt. So verhielt es sich auch bei den Propheten Israels.
Sie waren Realisten, keine Optimisten. Sie warnten die Menschen vor den Gefahren, die ihnen bevorstanden. Doch zugleich waren sie ausnahmslos Boten der Hoffnung. Sie vermochten, über die Katastrophe hinaus den Trost zu erkennen. Das ist der Prüfstein eines wahren Propheten.

- Haben Sie schon einmal eine Warnung ignoriert und sich später gewünscht, Sie hätten darauf gehört?
- Warum fällt es schwer, jemandem zu glauben, wenn er Ihnen etwas sagt, was Sie nicht hören wollen?
- Gibt es jemanden in Ihrem Leben, der Ihnen immer die Wahrheit sagt, auch wenn sie schwer anzunehmen ist?
With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.
“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks