Die soziale Vision des Judentums

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Wer die soziale Vision des Judentums verstehen möchte, sollte einen Blick auf seine Gesetze zur Armutsbekämpfung werfen:

„Wenn es unter deinen Brüdern in einer deiner Städte in dem Land, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, einen Armen gibt, dann verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand vor deinem bedürftigen Bruder. Öffne ihm vielmehr großzügig deine Hand und leihe ihm bereitwillig genug für seinen Bedarf, für das, was ihm fehlt. Hüte dich davor, den niederträchtigen Gedanken ‚Das siebte Jahr, das Erlassjahr, ist nahe‘ in deinem Herzen aufkommen zu lassen, sodass du deinem bedürftigen Bruder gegenüber geizig wirst und ihm nichts gibst. Er wird deinetwegen zu Gott rufen und du wirst Schuld auf dich laden. Gib ihm großzügig, und dein Herz soll es ihm nicht missgönnen, denn im Verdienst dessen wird der Ewige, dein Gott, dich bei all deiner Arbeit und bei allen Unternehmungen deiner Hände segnen. Es wird nie an Armen im Land fehlen. Darum gebiete Ich dir: Öffne deine Hand“.

Deut. 15:7–11

Auf den ersten Blick handelt die Passage vom Erlass der Schulden im siebten Jahr – dem Schemita oder sogenannten „Erlassjahr“. In der mündlichen Überlieferung wird sie jedoch auf die Gesetze der Zedaka ausgedehnt, ein Wort, das gewöhnlich mit „Wohltätigkeit“ übersetzt wird, aber auch „verteilende Gerechtigkeit“ und „Gleichheit“ bedeutet. Die Rabbiner deuteten die Formulierung „genug für seinen Bedarf“ als Hinweis auf die grundlegenden Erfordernisse des Lebens wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Die Worte „für das, was ihm fehlt“ bezogen sie auf einen Menschen, der früher wohlhabend gewesen war, nun aber verarmt ist. Auch ihm soll geholfen werden, seine Würde wiederzuerlangen:

„Über Hillel den Älteren wird berichtet, dass er für einen armen Mann aus vornehmer Familie ein Pferd kaufte, auf dem dieser reiten konnte, und einen Diener anstellte, der vor ihm herlief. Als er bei einer Gelegenheit keinen Diener finden konnte, der vor dem Mann herlief, lief er [Hillel] selbst vor ihm her“.

Babylonischer Talmud, Ketubot 67b

Die Aussagekraft dieser Passage liegt darin, dass Hillel selbst bekanntermaßen arm war und dennoch von seinem Geld und seiner Zeit gab, um einem reichen Mann, der sein Vermögen verloren hatte, dabei zu helfen, seine Selbstachtung wiederzuerlangen. Dieser doppelte Aspekt zeigt sich in allen Vorschriften der Zedaka. Einerseits richten sich diese Gesetze gegen die nackte Realität der Armut. Niemandem dürfen die grundlegenden körperlichen Lebensnotwendigkeiten vorenthalten werden. Andererseits berücksichtigen sie mit erstaunlicher Feinfühligkeit die psychologischen Auswirkungen der Armut. Armut erniedrigt, macht verlegen, demütigt und beschämt. Die Rabbiner bestimmten daher, dass Zedaka so gegeben werden muss, dass diese Gefühle auf ein Minimum reduziert werden:

„Als Rabbi Jannai sah, wie ein Mann einem Armen vor aller Augen eine Münze gab, sagte er: ‚Es wäre besser gewesen, ihm nichts zu geben, als ihm etwas zu geben und ihn dadurch zu beschämen‘“.

Babylonischer Talmud, Chagiga 5a

Maimonides beschreibt in einer berühmten Passage die acht Stufen der Wohltätigkeit:

„Es gibt acht Stufen der Zedaka, von denen jede höher ist als die vorherige.

„Die höchste Stufe, die von keiner anderen übertroffen wird, erreicht derjenige, der einem armen Menschen hilft, indem er ihm ein Geschenk macht oder ein Darlehen gewährt, ihn als Geschäftspartner aufnimmt oder ihm dabei hilft, eine Arbeitsstelle zu finden – kurz gesagt: indem er ihn in die Lage versetzt, nicht mehr auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Auf eine solche Hilfe beziehen sich die Worte: ‚Du sollst ihn stärken; sei er ein Fremder oder ein Beisass, so soll er bei dir leben‘ (Lev. 25:35). Das bedeutet: Stärke ihn so, dass er nicht in Not gerät.

„Eine Stufe darunter steht derjenige, der den Bedürftigen Zedaka auf eine Weise gibt, bei der weder der Gebende noch der Empfänger voneinander wissen. Dies ist beispielhaft für eine gute Tat, die um ihrer selbst willen vollbracht wird. Ein Beispiel dafür war die ‚Kammer der Verschwiegenen‘ im Tempel. Dort hinterlegten Fromme ihre Gaben heimlich und Arme aus vornehmen Familien konnten sich dort im Verborgenen die benötigte Unterstützung nehmen. Ähnlich ist es, wenn man Geld in eine Spendenbüchse wirft ...

„Eine weitere Stufe darunter steht derjenige, der weiß, wem er gibt, während der Arme nicht weiß, von wem er empfängt. So gingen die großen Weisen und legten heimlich Geld in die Hauseingänge armer Menschen …

„Eine Stufe darunter ist der Fall, dass der Arme weiß, von wem er nimmt, der Gebende jedoch nicht weiß, wem er gibt. So banden die großen Weisen Münzen in ihre Tücher und warfen diese über ihre Schultern, damit sich die Armen nehmen konnten, was sie benötigten, ohne dadurch beschämt zu werden.

„Eine niedrigere Stufe ist es, wenn jemand dem Armen eine Gabe gibt, noch bevor dieser darum gebeten hat.

„Darunter steht derjenige, der erst gibt, nachdem der Arme ihn darum gebeten hat.

„Noch niedriger steht derjenige, der weniger gibt, als angemessen wäre – aber er tut es mit freundlicher Miene.

„Die niedrigste Stufe ist die desjenigen, der unwillig gibt“.

Mischne Tora, Matenot Anijim 10:7–14

Diese außerordentlich fein abgestufte Ethik ist von psychologischem Einfühlungsvermögen durchdrungen. Entscheidend ist nicht nur, wie viel man gibt, sondern auch, wie man es gibt. Die Anonymität bei der Gewährung von Hilfe ist für die Wahrung der Würde unerlässlich. Die Armen dürfen nicht beschämt werden. Den Reichen darf nicht gestattet werden, sich überlegen zu fühlen. Wir geben nicht, um auf unsere Großzügigkeit stolz zu sein, und erst recht nicht, um die Abhängigkeit anderer hervorzuheben. Wir geben, weil wir Teil eines Bundes menschlicher Solidarität sind und weil Gott von uns verlangt, so zu handeln. Damit erweisen wir uns des Vertrauens würdig, kraft dessen Er uns unseren Wohlstand überhaupt erst vorübergehend anvertraut hat.

Maimonides’ Nachdruck darauf, dass es die höchste Form der Zedaka ist, jemandem eine Arbeitsstelle zu verschaffen oder ihm die Mittel zur Gründung eines eigenen Unternehmens zur Verfügung zu stellen, ist besonders bemerkenswert. Das Demütigende an der Armut ist die Abhängigkeit selbst, das Gefühl, anderen verpflichtet und auf sie angewiesen zu sein. Eine der eindringlichsten Formulierungen dieses Gedankens findet sich im Tischgebet:

„Wir bitten Dich, Ewiger, unser Gott: Lass uns weder auf die Gaben von Menschen noch auf ihre Darlehen angewiesen sein, sondern allein auf Deine helfende Hand … damit wir niemals beschämt oder gedemütigt werden“.

Birkat Hamason

Der größte Akt der Zedaka ist es, einen Menschen dazu zu befähigen, für sich selbst zu sorgen. Die höchste Form der Wohltätigkeit ist jene, die es ermöglicht, künftig ohne Wohltätigkeit auszukommen. Aus der Sicht des Gebenden ist dies eine der finanziell am wenigsten aufwendigen Formen des Gebens. Unter Umständen kostet es ihn überhaupt nichts. Aus der Sicht des Empfängers hingegen ist es die Form, die seine Würde am stärksten wahrt, da sie ihm die Beschämung des Empfangens erspart. Kurzfristig ist humanitäre Nothilfe unerlässlich. Langfristig sind jedoch die Schaffung von Arbeitsplätzen und eine Wirtschaftspolitik, die Vollbeschäftigung fördert, von größerer Bedeutung.

Besonders bemerkenswert ist eine Einzelheit des jüdischen Rechts: Selbst ein Mensch, der auf Zedaka angewiesen ist, muss seinerseits Zedaka geben. Auf den ersten Blick erscheint diese Regel widersinnig. Warum sollte man X genug Geld geben, damit er Y etwas geben kann? Es wäre logischer und effizienter, Y direkt zu unterstützen. Die Rabbiner erkannten jedoch, dass das Geben ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Würde ist. Ihr nachdrückliches Bestehen darauf, dass die Gemeinschaft den Armen genügend Mittel zur Verfügung stellt, damit diese selbst geben können, zeugt von einer tiefen Einsicht in die menschliche Existenz.

Das Judentum hat zahlreiche herausragende Wirtschaftswissenschaftler hervorgebracht: von David Ricardo, den Keynes als den größten Geist bezeichnete, der sich je mit wirtschaftlichen Fragen befasst habe, über John von Neumann, einen Physiker, der in seiner Freizeit die Spieltheorie erfand, bis hin zu Paul Samuelson, Milton Friedman und Alan Greenspan. Erstaunliche 38 Prozent der Nobelpreise auf diesem Gebiet entfielen auf Juden. Warum war das so? Vielleicht, weil Juden seit Langem wissen, dass die Wirtschaft zu den grundlegenden, bestimmenden Kräften einer Gesellschaft gehört, dass Wirtschaftssysteme nicht in die Struktur des Universums eingeschrieben sind, sondern von Menschen geschaffen und somit auch verändert werden können und Armut keine unveränderliche Naturgegebenheit ist, sondern gelindert, minimiert und verringert werden kann. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine religiöse Disziplin. Sie ist eine säkulare Kunst und Wissenschaft. Doch der jüdischen Leidenschaft für wirtschaftliche Fragen liegt im tiefsten Grunde ein religiöses Gebot zugrunde:

„Es wird nie an Armen im Land fehlen. Darum gebiete ich dir: Öffne deine Hand großzügig für deine Brüder, für die Armen und Bedürftigen in deinem Land“.

Deut. 15:11

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  1. Worin besteht der Unterschied zwischen dem, was ein Geschenk einem Menschen gibt, und dem, was ihm durch die Eröffnung einer Chance ermöglicht wird?
  2. Was halten Sie von Maimonides’ Einteilung in acht Stufen des Gebens? Würden Sie diese um weitere Stufen ergänzen oder ihre Reihenfolge verändern? Begründen Sie Ihre Antwort.
  3. Warum könnte es von Bedeutung sein, wie Hilfe geleistet wird, und nicht nur, dass sie geleistet wird?

With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.

“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks

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