Zedek: Gerechtigkeit und Mitgefühl

community united together justice compassion group society and community 1536x1084 1

Als Moses seine großen Abschiedsreden an die nächste Generation beginnt, wendet er sich einem Thema zu, das das fünfte und letzte Buch Moses beherrscht – der Gerechtigkeit:

„Zu jener Zeit gab ich euren Richtern die Weisung: ‚Hört die Streitfälle unter eurem Volk an und richtet gerecht zwischen einer Person und der anderen, ob Israelit oder Fremder. Zeigt keine Parteilichkeit im Gericht: Hört den Geringsten ebenso wie den Größten an. Lasst euch von keinem Menschen einschüchtern, denn das Gericht gehört Gott. Jeden Fall, der euch zu schwierig ist, bringt vor mich, und ich werde ihn anhören‘“.

Deut. 1:16–17

Zedek, „Gerechtigkeit“, ist ein Schlüsselwort im Buch Dewarim, am bekanntesten wohl in dem Vers:

„Nach Gerechtigkeit, nur nach Gerechtigkeit sollst du streben, damit du leben bleibst und das Land in Besitz nimmst, das der Ewige, dein Gott, dir gibt“.

Deut.16:20

Die Verteilung des Wortes Zedek und seiner Ableitung Zedaka in den Fünf Büchern Moses ist alles andere als zufällig. Es konzentriert sich vorwiegend auf das erste und das letzte Buch: Genesis (wo es 16-mal erscheint) und Deuteronomium (in dem es 18-mal vorkommt). Im Exodus kommt es nur viermal und im Levitikus fünfmal vor. Bis auf eine einzige Ausnahme sind all diese Fälle auf zwei Kapitel konzentriert: Exodus 23 (wo drei der vier Stellen in zwei Versen, 23:7–8, vorkommen) und Levitikus 19 (wo alle fünf Stellen im Kapitel 19 zu finden sind). In Numeri kommt das Wort überhaupt nicht vor.

Diese Verteilung ist eines von vielen Anzeichen dafür, dass der Chumasch, also die Fünf Bücher Moses, als Chiasmus aufgebaut ist, das heißt als literarische Einheit in der Form ABCBA. Die Struktur ist wie folgt:

A: Genesis – die Vorgeschichte Israels, also die ferne Vergangenheit

B: Exodus – die Reise von Ägypten zum Berg Sinai

C: Levitikus – der Kodex der Heiligkeit

B: Numeri – die Reise vom Berg Sinai bis an die Ufer des Jordan

A: Deuteronomium – die Nachgeschichte Israels, also die ferne Zukunft

Das Leitmotiv Zedek/Zedaka erscheint an den Schlüsselstellen dieser Struktur: in den beiden rahmenden Büchern Genesis und Deuteronomium sowie im zentralen Kapitel des gesamten Werkes, Levitikus 19. Offensichtlich gehört dieses Wort zu den beherrschenden Leitmotiven der Fünf Bücher Mose insgesamt.

Was bedeutet es? Zedek/Zedaka lässt sich kaum übersetzen, da es so viele Bedeutungsnuancen hat: Gerechtigkeit, Wohltätigkeit, Rechtschaffenheit, Integrität, Gleichheit, Fairness und Unschuld. Es bedeutet gewiss mehr als streng rechtliche Gerechtigkeit, für die die Bibel die Wörter Mischpat und Din verwendet. Ein Beispiel macht diesen Punkt deutlich:

„Und wenn der Mensch arm ist, sollst du dich nicht schlafen legen, solange du sein Pfand noch in deinem Besitz hast. Du musst ihm sein Pfand mit Sonnenuntergang zurückgeben, damit er sich in seinem Mantel schlafen legen kann und dich segnet. Dies wird dir als Zedaka – rechtschaffene Tat – angerechnet werden vor dem Ewigen, deinem Gott“.

Deut. 24:12–13

In diesem Vers kann Zedaka nicht rechtliche Gerechtigkeit bedeuten. Es geht um eine Situation, in der ein armer Mensch nur einen einzigen Mantel oder eine einzige Decke besitzt und diese dem Geldverleiher als Sicherheit für ein Darlehen gegeben hat. Der Geldverleiher hat das gesetzliche Recht, den Mantel so lange zu behalten, bis das Darlehen zurückgezahlt wurde. Doch auf der Grundlage dieses Rechts zu handeln, ist nicht das Richtige. Es berücksichtigt nicht die menschliche Lage des Armen, der nichts anderes hat, womit er sich in einer kalten Nacht warmhalten kann. Dieser Punkt wird noch deutlicher, wenn wir die Parallelstelle in Exodus 22 betrachten, in der es heißt:

„Wenn du das Gewand deines Nächsten als Pfand nimmst, so sollst du es ihm bis Sonnenuntergang zurückgeben. Denn es ist seine einzige Kleidung und die einzige Decke für seine Haut. Worin sonst soll er schlafen? Und wenn er zu Mir schreit, werde Ich ihn erhören, denn Ich bin gnadenvoll“.

Exod. 22:25–26

Dieselbe Situation, die in Dewarim als Zedaka beschrieben ist, wird in Exodus als Mitgefühl oder Gnade (chanun) bezeichnet. Der verstorbene Rabbi Aryeh Kaplan übersetzte Zedaka in Deuteronomium 24 als „wohltätiges Verdienst“. Am treffendsten lässt es sich mit „das Richtige und Anständige, das es zu tun gilt“ oder „durch Mitgefühl gemilderte Gerechtigkeit“ wiedergeben.

Im Judentum muss Gerechtigkeit – Zedek im Unterschied zu Mischpatdurch Mitgefühl gemildert werden. Darin liegt die schreckliche, tragische Ironie von Portias Rede in Der Kaufmann von Venedig:

„Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.

Sie träufelt wie des Himmels milder Regen

Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:

Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;

Am mächtigsten in Mächt’gen, zieret sie

Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone.

Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,

Das Attribut der Würd’ und Majestät,

Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt.

Doch Gnad’ ist über diese Zeptermacht,

Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,

Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,

Und ird’sche Macht kommt göttlicher am nächsten,

Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude,

Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:

Dass nach dem Lauf des Rechtes unser keiner

Zum Heile käm’; wir beten all’ um Gnade,

Und dies Gebet muss uns der Gnade Taten

Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt,

Um deine Forderung des Rechts zu mildern …“

(Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, 4. Aufz., 1. Szene). [1]

Shakespeare bringt hier das mittelalterliche Stereotyp von christlicher Barmherzigkeit (Portia) im Gegensatz zu jüdischer Gerechtigkeit (Shylock) zum Ausdruck. Dabei verkennt er völlig – wie hätte er es angesichts der vorherrschenden Kultur auch erkennen können –, dass die Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Barmherzigkeit“ im Hebräischen keine Gegensätze sind, sondern in einem einzigen Wort miteinander verbunden sind: Zedek bzw. Zedaka. Um die Ironie zu steigern, entstammen gerade die Sprache und die Bildwelt von Portias Rede („Sie träufelt wie des Himmels milder Regen“) dem Buch Deuteronomium:

„Möge meine Lehre herabströmen wie Regen,

Meine Rede fallen wie der Tau,

wie sanfter Regen auf zarte Pflanzen

Und wie Regenschauer auf das Gras.

Denn ich rufe den Namen des Ewigen aus:

Gebet Größe unserem Gott!

Der Fels, vollkommen ist Sein Werk,

Denn all Seine Wege sind Gerechtigkeit.

Ein Gott der Treue, der kein Unrecht tut,

Gerecht und aufrecht ist Er“.

Deut. 32:2–4

Der falsche Gegensatz zwischen Jude und Christ in Der Kaufmann von Venedig ist ein beredtes Zeugnis für die bis in die jüngste Zeit andauernde grausame Verzerrung des Judentums in der christlichen Theologie.

Warum ist Gerechtigkeit also im Judentum so zentral? Weil sie unparteiisch ist. Das Recht, wie es die Tora versteht, macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, Mächtigen und Machtlosen sowie Einheimischen und Fremden. Gleichheit vor dem Gesetz ist die Übersetzung der Gleichheit vor Gott in menschliche Begriffe. Die Tora betont immer wieder, dass Gerechtigkeit kein menschliches Konstrukt ist: „Lasst euch von keinem Menschen einschüchtern, denn das Gericht gehört Gott.“ Weil das Gericht Gott gehört, darf es niemals kompromittiert werden – weder durch Angst noch durch Bestechung oder Begünstigung. Gerechtigkeit ist eine unabdingbare Pflicht und ein unveräußerliches Recht.

Das Judentum ist eine Religion der Liebe: Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben; du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; du sollst den Fremden lieben. Doch es ist auch eine Religion der Gerechtigkeit, denn ohne Gerechtigkeit führt die Liebe zur Korruption. Wer würde nicht, wenn er könnte, die Regeln beugen, um diejenigen zu begünstigen, die er liebt? Es ist außerdem eine Religion des Mitgefühls, denn ohne Mitgefühl kann das Recht selbst Ungleichheit hervorbringen. Gerechtigkeit plus Mitgefühl ergibt Zedek – die erste Voraussetzung für eine anständige Gesellschaft.


[1]  William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel (Stuttgart, Reclam-Verlag, 1998).


german shabbat table
  1. Das Wort Zedek lässt sich auf viele verschiedene Arten übersetzen. Wie verstehen Sie dieses Wort?
  2. Was meinte Moses, als er sagte, man solle sich vor niemandem fürchten, weil das Gericht Gott gehört?
  3. Wenn Sie selbst Richter wären, was wäre für Sie der schwierigste Teil dieser Aufgabe?

With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.

“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks