Über Eltern und Lehrer

School

Unmittelbar unter der Oberfläche der Parascha dieser Woche verbirgt sich eine zutiefst bewegende Geschichte. Sie steht im Zusammenhang mit Moses’ Gebet, in dem er Gott bittet, einen Nachfolger zum Führer des jüdischen Volkes zu bestimmen.

Ein Hinweis darauf findet sich in den Worten Gottes an Moses: „Nachdem du es gesehen hast, sollst auch du zu deinem Volk eingehen, wie dein Bruder Aaron zu ihnen eingegangen ist.“ Raschi wundert sich über das scheinbar überflüssige Wort „auch“ und bemerkt dazu, dass „Moses sich wünschte, so zu sterben, wie Aaron gestorben war“.

In welchem Sinne war Moses eifersüchtig auf seinen Bruder? Wollte er etwa wie Aaron schmerzlos sterben? Gewiss nicht. Moses fürchtete den Schmerz nicht. War es, weil er seinen Bruder um dessen Beliebtheit beneidete? Es heißt, dass Aaron von „dem ganzen Haus Israel“ betrauert wurde, als er starb. Im Fall Moses sagt die Tora nichts Derartiges. Auch das kann nicht die Antwort sein. Moses wusste, dass Führung nicht mit Beliebtheit einhergeht. Er suchte sie nicht. Er hätte nicht tun können, was er tun musste, und zugleich Beliebtheit erlangen können.

Der Ketaw Sofer liefert die mit Sicherheit richtige Deutung: Aaron war es vergönnt, zu wissen, dass seine Kinder in seine Fußstapfen treten würden. Elasar, sein Sohn, wurde noch zu seinen Lebzeiten zum Hohepriester ernannt. Tatsächlich sind die Kohanim bis heute direkte Nachkommen Aarons. Laut Ketaw Sofer sehnte sich Moses danach, einen seiner Söhne – Gerschom oder Elieser – an seiner Stelle als Führer des Volkes zu sehen. Doch es sollte anders kommen.

Raschi gelangt zu derselben Schlussfolgerung, indem er einen zweiten Hinweis berücksichtigt. Der Abschnitt, in dem Moses Gott um die Einsetzung eines Nachfolgers bittet, folgt unmittelbar auf die Geschichte der Töchter Zelofahds. Diese baten darum, den Anteil im Land Israel erben zu dürfen, der ihrem Vater zugefallen wäre, wenn dieser nicht gestorben wäre. Raschi verbindet die beiden Begebenheiten miteinander:

„Als Moses hörte, wie Gott ihm auftrug, das Erbe Zelofahds dessen Töchtern zu geben, dachte er: ‚Nun ist die Zeit gekommen, auch meinerseits eine Bitte vorzubringen: Meine Söhne sollen meine Stellung erben.‘ Gott antwortete ihm: ‚Das ist nicht, was Ich beschlossen habe.‘ Josua hat es verdient, den Lohn dafür zu erhalten, dass er dir gedient und dein Zelt nie verlassen hat.‘ Das ist es, was Salomon meinte, als er sagte: ‚Wer den Feigenbaum hütet, wird seine Frucht essen, und wer seinem Herrn dient, dem soll Ehre zuteilwerden‘ (Sprüche 27:18)“.

Raschi zu Numeri 27:16

Moses’ Gebet wurde nicht erhört.

Mit einem für jede Nuance geschärften Ohr rekonstruierten die Weisen und Raschi eine Erzählung, die unmittelbar unter der Oberfläche des biblischen Textes liegt. Was wurde aus Moses’ Kindern? War die große Führungspersönlichkeit innerlich enttäuscht, dass sie seine Rolle nicht erben würden? Welche tiefere Botschaft vermittelt uns der Text? Hat Moses’ Enttäuschung eine bleibende Relevanz? Hat Gott ihm in irgendeiner Weise Trost gespendet?

Moses und Aaron verkörpern die beiden großen Rollen in der jüdischen Kontinuität: Horim und Morim – Eltern und Lehrer. Eltern geben das jüdische Erbe an ihre Kinder weiter, Lehrer tun dasselbe gegenüber ihren Schülern. Aaron war das Urbild elterlicher Weitergabe, Moses das große Vorbild eines Lehrers. Aaron wurde von seinem Sohn abgelöst, Moses von seinem Schüler Josua.

An verschiedenen Stellen betonten die Weisen, dass die Tora-Führung nicht automatisch von einer Generation auf die nächste übergeht. Der Talmud sagt dazu:

„Achtet darauf, die Kinder der Armen nicht zu vernachlässigen, denn von ihnen geht Tora aus, wie es heißt: ‚Das Wasser wird aus seinen Eimern fließen‘ – das bedeutet, dass aus den Armen unter ihnen Tora hervorgeht. Und warum ist es nicht üblich, dass Gelehrte Kinder hervorbringen, die ebenfalls Gelehrte sind? Rabbi Josef sagte: ‚Damit man nicht sagen kann, die Tora sei ihr Erbe.‘ Rabbi Schischa, der Sohn von Rabbi Idi, sagte: ‚Damit sie der Gemeinde gegenüber nicht überheblich werden.‘ Mar Sutra sagte: ‚Weil sie sich der Gemeinde gegenüber anmaßend verhalten‘“.

Nedarim 81a

Wäre Tora-Führung dynastisch, also eine Frage der Vererbung, würde das Judentum sehr schnell zu einer Gesellschaft von Vorrechten und Hierarchien werden. Dem traten die Weisen entschieden entgegen. Jeder hat Anteil an der Tora. Sie ist das gemeinsame Erbe eines jeden Juden. Nirgendwo kommt dies klarer zum Ausdruck als in den Worten des Maimonides:

„Israel wurde mit drei Kronen gekrönt: der Krone der Tora, der Krone des Priestertums und der Krone des Königtums. Die Krone des Priestertums wurde Aaron verliehen … Die Krone des Königtums wurde David gegeben … Die Krone der Tora jedoch gehört ganz Israel, wie es heißt: ‚Moses gebot uns die Tora, ein Erbe der Gemeinde Jakobs‘ (Deut. 33:4). Wer sie begehrt, kann sie erringen. Glaube nicht, dass die beiden anderen Kronen größer sind als die Krone der Tora, denn es heißt: ‚Durch Mich regieren Könige und Fürsten bestimmen Recht. Durch Mich herrschen Fürsten‘ (Sprüche 8:15–16). Daraus lernen wir, dass die Krone der Tora größer ist als die beiden anderen Kronen“.

Mischne Tora, Hilchot Talmud Tora 3:1

Dies ist eine der großen egalitären Aussagen des Judentums. Die Krone der Tora ist jedem zugänglich, der nach ihr strebt. Es gab Gesellschaften, die versuchten, Gleichheit zu schaffen, indem sie Macht oder Wohlstand gleichmäßig verteilten. Keine von ihnen war damit vollkommen erfolgreich. Der jüdische Ansatz war ein anderer. Eine Gesellschaft gleicher Würde ist eine, in der Wissen – die wichtigste Art von Wissen, nämlich die Tora, also das Wissen darum, wie man leben soll – allen gleichermaßen zugänglich ist. Von frühester Zeit bis heute war das jüdische Volk überwiegend in Gemeinschaften organisiert, die um Schulen herum aufgebaut waren und durch gemeinschaftliche Mittel getragen wurden, damit niemand ausgeschlossen werde.

Die Weisen stellten eine enge Verbindung zwischen Elternhaus und Schule sowie zwischen Eltern und Lehrern her. So entschied Maimonides beispielsweise:

„Jedem Gelehrten in Israel obliegt die Pflicht, alle Schüler zu unterrichten, die bei ihm Unterweisung suchen, auch wenn sie nicht seine eigenen Kinder sind, wie es heißt: ‚Und du sollst sie deinen Kindern eindringlich lehren‘ (Deut. 6:7). Nach der überlieferten Auslegung schließt der Ausdruck ‚deine Kinder‘ auch Schüler ein, denn Schüler werden Kinder genannt, wie es heißt: ‚Und die Söhne der Propheten gingen hinaus‘ (II Könige 2:3)“.

Mischne Tora, Hilchot Talmud Tora 1:2

In ebendiesem Sinne schreibt er an anderer Stelle:

„So wie es einem Menschen geboten ist, seinen Vater zu ehren und Ehrfurcht vor ihm zu haben, so ist er verpflichtet, seinen Lehrer zu ehren und Ehrfurcht vor ihm zu haben – sogar in noch höherem Maße als gegenüber seinem Vater. Denn während der Vater dem Kind das Leben in dieser Welt schenkt, sichert der Lehrer, der es in Weisheit unterweist, ihm das Leben in der kommenden Welt“.

Mischne Tora, Hilchot Talmud Tora 5:1

Die Verbindung verläuft auch in die entgegengesetzte Richtung. In den Büchern Moses wird durchgehend die Rolle eines Elternteils im Sinne von Lehren und Unterweisung definiert.

„Du sollst diese Dinge deinen Kindern eindringlich lehren ...“.

Deut. 6:7

„Und es soll geschehen, wenn dein Kind dich fragt ... dann sollst du zu ihm sagen ...“.

Exod. 13:14; Deut. 6:20–21

Bildung ist ein generationsübergreifendes Gespräch zwischen Eltern und Kindern. In dem einen Vers, in dem die Bibel erklärt, warum Abraham zum Vater eines neuen Glaubens erwählt wurde, heißt es: „Denn Ich habe ihn erwählt, damit er seine Kinder und sein Haus nach ihm führt, dass sie den Weg Gottes bewahren und tun, was recht und gut ist“ (Gen. 18:19). Abraham wurde also sowohl zum Vater als auch zum Erzieher erwählt.

Moses wurde daher die Möglichkeit versagt, zu erleben, wie seine Kinder seine Rolle erbten, damit seine persönliche Enttäuschung für künftige Generationen eine Quelle der Hoffnung sein würde. Tora-Führung ist nicht das Vorrecht einer Elite. Sie wird nicht durch dynastische Nachfolge weitergegeben. Sie ist nicht auf jene beschränkt, die von großen Gelehrten abstammen. Sie steht jedem von uns offen, wenn wir es nur wollen und unsere besten Kräfte, unsere Energie und unsere Zeit dafür einsetzen. Doch zugleich wurde Moses ein großer Trost geschenkt. So wie die Kohanim bis heute die Söhne Aarons sind, so sind alle, die Tora lernen, die Schüler von Moses.

Manchen ist es vergönnt, Eltern zu sein, anderen, Lehrer zu sein. Beides sind Wege, auf denen etwas von uns in die Zukunft hinein weiterlebt. Eltern als Lehrer, Lehrer als Eltern: Das sind die bedeutendsten Rollen im Judentum – die eine in Aaron unsterblich geworden, die andere in Mosche verewigt.


german shabbat table
  1. Wie kann Moses’ Enttäuschung uns auch heute noch Hoffnung schenken?
  2. Was war bisher Ihre größte Leistung, und wodurch haben Sie sich diese verdient?
  3. Was ist das Besondere daran, auf welche Weise im Judentum erzogen und gelehrt wird?

With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.

“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks