Demokratie als Selbstverständlichkeit
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 23rd April 2015
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„Die Demokratie ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit, und wir sollten sie nie als selbstverständlich ansehen.“
Nach einigen Wochen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten und nunmehr zurück in heimischen Gefilden, ist es für mich faszinierend, den hiesigen Wahlkampf zur Parlamentswahl mit dem dort gerade gestarteten Präsidentschaftswahlkampf zu vergleichen.
Es gibt einige auffällige Unterschiede. In Amerika zum Beispiel gehörte zu den ersten Verlautbarungen, mit denen sich die Präsidentschaftskandidaten rühmten, wie viel an Spendengeldern sie bereits aufgebracht hatten. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die Kandidaten hierzulande dasselbe tun, da wir immer noch der Meinung sind, dass Stimmen nicht mit Geld erkauft werden sollten.
In den USA wird außerdem viel über die verschiedenen Segmente der Wählerschaft gesprochen. Kann Kandidat X die Stimmen der Hispanoamerikaner, der Evangelikalen oder der Afroamerikaner gewinnen? Hierzulande hingegen, so scheint es mir, betrachten wir die Wähler immer noch als Individuen, die ihre Meinung unabhängig von ihrer ethnischen Abstammung, ihrer Konfession oder ihrer Religionslosigkeit vertreten. Und das sind Einstellungen, die es wert sind, dass man sie schätzt und bewahrt.
Aber ungeachtet der Unterschiede stelle ich fest, dass ich mehr und mehr darüber nachdenke, was für eine schwierige Errungenschaft die Demokratie doch ist und wie viel Geschichte es zu durchstehen galt und wie viel Schmerz ertragen werden musste, bevor Großbritannien und Amerika sie erzielten. Vor nur einem Vierteljahrhundert, als die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion implodierte und der Kalte Krieg sein Ende fand, war die Rede davon, dass die Demokratie ihre letzte Schlacht gewonnen hätte und sich nun auf der ganzen Welt verbreiten würde. Doch fast unmittelbar danach wurden wir mit einem blutigen ethnischen Krieg im ehemaligen Jugoslawien konfrontiert.
Noch vor vier Jahren sah es mit dem Arabischen Frühling so aus, als ob sich die Demokratie im gesamten Nahen Osten ausbreiten würde. Doch stattdessen gab es wieder Blutvergießen und Bürgerkrieg.
Demokratie ist keineswegs etwas Naturgemäßes. Sie ist das Erbe zweier großer Zivilisationen der Antike: Griechenland, von dem das Wort „Demokratie“ selbst herrührt, und das jüdisch-christliche Erbe, das besagt, dass wir alle gleichermaßen im Ebenbilde Gottes geschaffen sind und deshalb ein gleiches Mitspracherecht bei der Entscheidung über unsere gemeinsame Zukunft haben sollten.
Die ersten Anregungen in Richtung Demokratie kamen erstmals im 17. Jahrhundert auf, nachdem Europa von Religionskriegen verwüstet worden war. Damals wandten sich John Milton, Thomas Hobbes, Spinoza und John Locke der hebräischen Bibel zu und fanden dort die Vorstellung, dass es falsch ist, über andere gegen deren Willen zu herrschen. Bis zur vollständigen Demokratie brauchte es zwar noch einige Zeit, aber dies war der Anfang.
Wenn also von langweiligen Wahlkämpfen die Rede ist, sage ich: Ein Hoch auf die Langeweile, wenn man bedenkt, welche Alternativen es tatsächlich gibt. Die Demokratie ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit, und wir sollten sie nie als etwas Selbstverständliches betrachten.