Zuhören

14. Dezember 2002
listening phone call sympathy 2

Published in The Times, 14th December 2002

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„Manchmal bedeutet Freundschaft einfach nur menschliche Anwesenheit, ein offenes Ohr und ein verständnisvolles Herz, so dass die Last gemindert wird, von Seele zu Seele.“


Viktor Frankl überlebte drei Jahre in den Konzentrationslagern von Dachau und Auschwitz. Auf der Grundlage seiner Erfahrungen dort begründete er eine neue Richtung der auf der Sinnfindung im Leiden basierenden Psychotherapie, die Logotherapie.

Er erzählte einmal folgende Geschichte: Eine Frau rief ihn mitten in der Nacht an und teilte ihm ganz ruhig mit, dass sie im Begriff sei, Selbstmord zu begehen. Frankl hielt sie am Telefon und erörterte mit ihr ihre Depression und gab ihr einen Grund nach dem anderen, um weiterzuleben. Schließlich versprach sie ihm, dass sie sich nicht das Leben nehmen würde, und sie hielt Wort.

Als sie sich später persönlich begegneten, fragte Frankl sie, welche seiner Argumente sie überzeugt hätten. „Keines“, antwortete sie. Was hatte sie dann dazu bewogen, ihr Leben fortzuführen? Ihre Antwort war einfach: Frankl war bereit gewesen, ihr mitten in der Nacht zuzuhören. Eine Welt, in der ein Mensch bereit war, der Verzweiflung eines anderen zuzuhören, schien ihr doch eine Welt zu sein, in der es sich zu leben lohnte.

Was für eine unterbewertete Kunst das Zuhören doch ist. Manchmal ist es das größte Geschenk, das wir einer geplagten Seele machen können. Es ist ein Akt der konzentrierten Zuwendung. Es bedeutet, sich wirklich einem anderen Menschen zu öffnen, bereit zu sein, sich auf seine Welt, seine Perspektive und seinen Schmerz einzulassen. Dies bedeutet nicht, dass wir unbedingt eine Lösung für das Problem dieses Menschen haben. Es gibt Probleme, die nicht gelöst werden können. Sie können nur durchlebt werden, so dass die Zeit selbst den Bruch oder Verlust heilt. Wenn wir zuhören, teilen wir die Bürde des anderen, so dass er ihre Last ertragen kann. Manchmal bedeutet Freundschaft einfach nur menschliche Anwesenheit, ein offenes Ohr und ein verständnisvolles Herz, so dass die Last gemindert wird, von Seele zu Seele. Es gibt kein Buch in der Bibel, das so tief bewegend ist wie die Geschichte von Hiob.

Hiob verliert alles: seine Familie, seinen Besitz, seine Gesundheit. Kapitel um Kapitel beklagt er sich und weist die falschen Tröstungen seiner Freunde zurück. Schließlich erscheint ihm Gott aus dem Wirbelwind heraus. Doch anstatt ihm Antworten auf seine Fragen zu liefern, stellt Gott ihm über vier Kapitel hinweg Seine eigenen, unlösbaren Fragen. Daraufhin findet Hiob die Kraft, weiterzumachen.

Nachdem ich dieses merkwürdige Buch mehrmals gelesen hatte, kam mir schließlich der Gedanke, dass es eine Betrachtung über das Zuhören selbst ist. Hiob suchte nicht nach Bestätigung. Er verlangte lediglich, gehört zu werden. Anders als seine Tröster glaubte er nicht, dass es für jedes menschliche Leiden eine für uns verständliche Erklärung gibt. Das wird immer jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen. Was Hiob wollte, war etwas anderes: die Bestätigung, dass sein Leid erkannt wird und seine Worte gehört werden. Genau das hat er im Herzen des Wirbelsturms entdeckt: Gott hört zu. Das Universum ist nicht taub für unseren Schrei. Gott, die persönliche Gegenwart im Kern des Seins, dringt in das gebrochene Herz ein und macht es wieder ganz. Gehört zu werden bedeutet, Bestätigung zu erfahren.

Das ist es, was Gott in der Bibel tut: Er hört denen zu, die sonst ungehört bleiben – Ismael, der von zu Hause vertrieben wurde; Lea, die ungeliebt war; Rachel und Hanna, die sich nach einem Kind sehnten; den Israeliten, die unter der Last der Sklaverei stöhnten; David, der seine Emotionen im Buch der Psalmen ausschüttet. Gott hört zu, und indem Er zuhört, gibt Er uns die Kraft zu leben. Nicht zufällig sind die berühmtesten Worte des jüdischen Gebets Sch’ma Jisrael. Früher übersetzte ich dies mit „Höre, o Israel“. Heute weiß ich, dass es „Hör zu, o Israel“ bedeutet. Im Zuhören wird der Schmerz geheilt, indem er geteilt wird.