Wohltätigkeit

26. Februar 2000
rich man self worth money

Published in The Times, 26th February 2000

Lesen auf

„Aktives Bürgerengagement beginnt mit der Einsicht, dass wir so viel wert sind, wie wir bereit sind, mit anderen zu teilen.“


Sir Moses Montefiore war eine der großen Persönlichkeiten im viktorianischen Großbritannien. Im Laufe eines langen Lebens wurde er Sheriff der City of London, Präsident des Board of Deputies of British Jews [des Dachverbands der britischen Juden] und ein internationaler Sprecher zur Verteidigung der Menschenrechte. Seine Philanthropie galt Juden und Nicht-Juden gleichermaßen. Zu seinem 99. und 100. Geburtstag würdigte ihn die Times in Leitartikeln. Er habe gezeigt, so die Times, „dass leidenschaftliches Judentum und patriotische Staatsbürgerschaft vollkommen miteinander vereinbar sind“.

Vor allem eine Geschichte hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Jemand fragte ihn einmal: „Herr Moses, worauf beläuft sich Ihr Gesamtwert?“ Er dachte eine Weile nach und nannte dann eine Zahl. „Aber bestimmt“, sagte der Fragesteller, „ist Ihr Reichtum viel größer als das.“

Mit einem Lächeln erwiderte Sir Moses: „Sie haben mich ja nicht gefragt, wie viel ich besitze. Ihre Frage war, wie viel ich wert bin. Also habe ich berechnet, wie viel ich in diesem Jahr bisher für wohltätige Zwecke gespendet habe – denn wir sind so viel wert, wie wir bereit sind, mit anderen zu teilen.“

Ich wurde an diese Geschichte wieder erinnert durch die Rede, die Gordon Brown kürzlich vor dem National Council of Voluntary Organisations gehalten hat. Der Schatzkanzler sprach mit seltener Eloquenz über die Notwendigkeit, den freiwilligen Sektor der britischen Gesellschaft zu stärken, und über die Bedeutung des Gebens, sowohl in Form von Geld als auch von investierter Zeit. Er rief zu einem neuen „Bürgerpatriotismus“ auf, um die doppelte Gefahr einer Kultur der Zufriedenheit und einer Kultur der Verzweiflung zu überwinden.

Und er hatte recht damit. Allzu lange hat sich die Politik in diesem Land zwischen zwei Polen bewegt: zwischen Individuum und Staat. Der Markt verkörpert die privaten Entscheidungen des Einzelnen. Regierungsmaßnahmen stellen die kollektive Reaktion des Staates dar. Seit über fünfzig Jahren wird die Frage so formuliert: Entweder überlassen wir ein Problem der Dynamik des Marktes, oder wir begegnen ihm durch staatliches Eingreifen.

Dies ist jedoch eine beschränkte Sichtweise, lässt sie doch eine dritte Alternative ganz außer Acht: den Freiwilligensektor, die Arbeit, die tagtäglich Hunderttausende Gruppen und einzelne Bürger leisten, um Bedürftigen zu helfen und Menschen, die sich allein durchs Leben schlagen, Trost zu spenden.

Der Freiwilligensektor unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom Staat und vom Markt. Der Staat ist für die Gewinnung und Verteilung von Macht zuständig. Wohingegen der Markt auf die Produktion und Verteilung von Reichtum ausgerichtet ist. Sowohl Macht als auch Reichtum sind jedoch zu jedem Zeitpunkt Nullsummenspiele. Wenn ich alle Macht habe und sie dann mit neun anderen teile, bleibt mir nur ein Zehntel von dem, was ich vorher hatte. Wenn ich eintausend Pfund habe und sie dann mit neun anderen teile, habe ich wiederum nur ein Zehntel des Betrags, den ich anfangs besaß. In der Politik und der Wirtschaft geht es um Konkurrenz – sie sind Schauplätze des vermittelten Konflikts.

Doch gibt es auch Güter, die völlig anderer Art sind, wie Liebe, Freundschaft, Vertrauen. Je mehr ich sie mit anderen teile, desto mehr gewinne ich. Ja, sie existieren nur, weil sie geteilt werden. Deshalb sind Gemeinschaften, Nachbarschaftsgruppen und Freiwilligenorganisationen so wichtig für die Gesundheit einer Gesellschaft. Sie sind nicht die Schauplätze des Konflikts, sondern die Keimzellen der Zusammenarbeit.

Nicht alle Probleme lassen sich durch ehrenamtliches Handeln lösen. Wir werden immer den Markt und den Staat brauchen. Genauso brauchen wir aber auch immer auf Altruismus basierende Taten und Organisationen. Aktives Bürgerengagement beginnt mit der Einsicht, dass wir so viel wert sind, wie wir bereit sind, mit anderen zu teilen.