Scham- und Schuldkulturen
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 4th November 2014
Anhören
Teilen
„Wir müssen es den Menschen leichter machen, ehrlich zu sein und sich zu entschuldigen, was bedeutet, dass auch wir lernen müssen, zu vergeben.“
Gestern haben der General Medical Council [die staatliche Aufsichts- und Zulassungsbehörde für Ärztinnen und Ärzte] und der Nursing and Midwifery Council [die staatliche Berufs- und Aufsichtsbehörde für Pflegefachpersonen und Hebammen] Leitlinien veröffentlicht, in denen Ärzte und Krankenschwestern aufgefordert werden, ehrlich zu ihren Patienten zu sein und sich zu entschuldigen, wenn ihnen Fehler unterlaufen sind. Es ist das erste Mal, dass solche Leitlinien herausgegeben werden.
Erstaunlich, dass es solcher Leitlinien überhaupt bedarf. Ärzte und Krankenschwestern gehören zu den fürsorglichsten, engagiertesten und selbstlosesten Menschen, die es gibt. Es stimmt schon, dass unsere heutige Gesellschaft sehr klagefreudig geworden ist, aber ist es wirklich schon so weit gekommen, dass selbst die Besten angehalten werden müssen, ehrlich zu sein und sich zu entschuldigen, wenn sie im Unrecht sind?
Im letzten halben Jahrhundert hat sich im Westen etwas Bedeutsames, aber kaum Wahrnehmbares vollzogen, und um es zu verstehen, müssen wir eine große Anthropologin zu Rate ziehen: Ruth Benedict. Sie war es, die den Unterschied zwischen Schamkulturen wie dem antiken Griechenland und Schuldkulturen wie dem Judentum und dem Christentum lehrte.
Die eine wie die andere Kultur lehrt die Menschen, wie sie sich richtig zu verhalten haben, doch in Bezug auf ein Fehlverhalten sind ihre Ansätze höchst unterschiedlich. In Schamkulturen ist entscheidend, was andere Leute von einem denken: die Blamage, die Schande, der Verlust des Ansehens. In Schuldkulturen hingegen geht es darum, was uns die innere Stimme des Gewissens sagt. In Schamkulturen sind wir Schauspieler, die ihre Rolle auf der öffentlichen Bühne spielen. In Schuldkulturen befinden wir uns in einem inneren Dialog mit den besseren Engeln unserer Natur.
Der größte Unterschied besteht darin: Wenn wir bei einem Fehlverhalten ertappt werden, lastet in Schamkulturen ein Makel auf unserem Charakter, den nur die Zeit auszulöschen vermag. Schuldkulturen hingegen unterscheiden scharf zwischen dem Täter und der Tat, dem Sünder und der Sünde. Aus diesem Grund konzentrieren sich Schuldkulturen auf Sühne und Reue, Entschuldigung und Vergebung. Die Tat war falsch, aber auf unserem Charakter befindet sich kein unauslöschlicher Fleck.
Hat man in einer Schamkultur etwas Falsches getan, lautet die erste Regel: Sieh zu, dass es bloß nicht rauskommt. Und wenn doch, dann schummle dich einfach durch. Gestehe es erst ein, wenn alle anderen Möglichkeiten versagt haben, denn sonst wirst du für eine sehr lange Zeit in Verruf geraten.
Scham hat in jedem moralischen System ihren Platz, aber wenn sie alles andere dominiert, wenn uns nur noch der Strafprozess der öffentlichen Bloßstellung bleibt, dann werden sich die Menschen zunehmend scheuen, ehrlich zu sein, und so werden wir auch immer misstrauischer gegenüber den Menschen im öffentlichen Leben, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Politik, den Medien, den Finanzinstituten, den Unternehmen und, seien wir ehrlich, auch in religiösen Organisationen.
Wir müssen es den Menschen leichter machen, ehrlich zu sein und sich zu entschuldigen, was bedeutet, dass auch wir lernen müssen, zu vergeben