Krise
„Jede Krise birgt irgendwie auch die wundervolle Möglichkeit einer Wiedergeburt.“
Sie stecken unversehens mitten in einer Krise. Sie haben Ihren Arbeitsplatz verloren, oder die erhoffte Beförderung ist ausgeblieben. Sie sind von einer Krankheit betroffen, die eine radikale Umstellung Ihres Lebensstils erfordert. Sie machen eine Fehlinvestition, die Sie teuer zu stehen kommt. Sie merken, dass eine wichtige Beziehung in Ihrem Leben unter Stress steht. Jede dieser Situationen oder auch die vielen anderen Überraschungen, die das Leben mit sich bringt, können Sie ohne Vorwarnung in eine Krise stürzen. Und was tun Sie dann? Wie überstehen Sie das Trauma, den Schmerz?
Eine Bibelstelle fand ich in diesem Zusammenhang sehr hilfreich. Sie liegt nicht gerade auf der Hand. Sie stammt nicht aus dem Buch der Psalmen, dem Lexikon der Seele, oder von Jesaja, dem Dichter der Hoffnung. Sie findet sich in der berühmten wie rätselhaften Passage im Kapitel 32 des Buches Genesis, in der Jakob, fernab von zu Hause, in der Nacht bis zum Anbruch des neuen Tages mit einem unbekannten, namenlosen Widersacher ringt.
Der Kontext ist von Bedeutung: Zweiundzwanzig Jahre zuvor hatte Jakob sein Zuhause verlassen, da er fürchtete, sein Bruder Esau könnte ihn töten, da er ihm den väterlichen Segen weggenommen hatte. Er ist gerade auf dem Rückweg, als er vernimmt, dass Esau mit einer Streitmacht von 400 Mann im Anmarsch ist, um ihn zu treffen. Jakob, so berichtet die Bibel, war „sehr verängstigt und verzweifelt“ (Gen. 32:8), eine ungewöhnlich eindringliche Formulierung in einem Buch, das uns gewöhnlich wenig über die Emotionen der Menschen verrät.
Jakob wird zu einem Wirbelwind an Geschäftigkeit. In der Hoffnung, seinen Bruder zu besänftigen, schickt er Gesandte mit Schafen und Rindern als Geschenke aus. Er betet zu Gott um Schutz. Er spaltet sein Lager auf, damit, falls ein Teil zerstört wird, wenigstens der andere überlebt. Jakobs Hyperaktivität ist nicht nur rein pragmatischer Natur, indem er alle Möglichkeiten ausschöpft. Sie ist auch ein Zeichen für den Stress, dem er ausgesetzt ist. Ihm ist bewusst, dass er vor der entscheidenden Krise seines Lebens steht.
Und eben da ereignet sich die berühmte Szene: „Jakob war allein, und ein Mann rang mit ihm bis zum Morgengrauen“ ( Gen. 32:25). Wer war dieser Mann? Der Text verrät es nicht. Der Prophet Hosea sagt uns, dass Jakob mit einem Engel rang. Jakob selbst glaubte, er ringe mit Gott. Er nannte den Ort Peniel, „das Antlitz Gottes“, und sagte: „Weil ich Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen habe und mein Leben verschont geblieben ist“ (Gen. 32:31).
Jakobs Kampf verdeutlicht uns dreierlei. Erstens: Der Ringkampf findet erst statt, nachdem Jakob alle seine Vorbereitungen getroffen hat. Die eigentliche Herausforderung, die innere Krise, trifft uns unerwartet und unvorbereitet. Wie sehr wir auch im Voraus planen, alle Eventualitäten einkalkulieren, alle Szenarien durchspielen, es gibt Ereignisse, die uns völlig überraschen. Das ist die Conditio humana. Wir leben mit einer grundlegenden Ungewissheit. Jene, die das Risiko fürchten, fürchten das Leben selbst. „Eines“, so besagt ein altes jüdisches Sprichwort, „bringt Gott zum Lachen: wenn er unsere Zukunftspläne sieht.“ Freiheit ist der Mut, mit dem zu leben, von dem wir im Voraus nicht wissen können, dass es eintreten werde. Deshalb ist Freiheit ohne Glauben letztlich nicht möglich.
Zweitens: Der eigentliche Kampf um unsere Zukunft entscheidet sich in unserem Inneren, in unserer Seele. Wenn Jakob erfolgreich mit Gott zu ringen vermag, dann kann er seinem Bruder Esau ohne Angst gegenübertreten. Wenn wir den Kampf „hier, in unserm Inneren“ gewinnen können, können wir ihn auch „da draußen“ gewinnen. Das war es, was Roosevelt meinte, als er 1933, mitten in der Weltwirtschaftskrise, sagte: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“
Es ist jedoch der dritte Punkt, der mich besonders berührt hat. Jakob sagt zu dem Fremden/Engel/Gott: „Ich werde dich nicht gehen lassen, bis du mich segnest“ ( Gen. 32:27).
Jede Krise birgt irgendwie auch die wundervolle Möglichkeit einer Wiedergeburt. So wie ich haben sicher auch viele andere die Erfahrung gemacht, dass es gerade die schmerzhaftesten Ereignisse waren, an denen wir im Nachhinein am stärksten gewachsen sind. Sie halfen uns, schwierige, aber notwendige Entscheidungen zu treffen. Sie zwangen uns zu fragen: „Wer bin ich, und was ist mir wirklich wichtig?“ Sie führten uns von der Oberfläche in die Tiefe, wo wir Stärken entdeckten, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie hatten, ebenso eine bis dahin fehlende Klarheit des Sinns. Ich habe gelernt, zu jeder Krise zu sagen: „Ich lass dich nicht los, bis du mich segnest“ (Gen. 32:27).
Der Kampf ist nicht leicht. Obwohl Jakob den Sieg davontrug, „hinkte“ er danach (Gen. 32:32). Kämpfe hinterlassen Narben. Doch Gott ist mit uns, selbst wenn Er gegen uns zu sein scheint. Denn wenn wir uns weigern, Ihn loszulassen, weigert Er sich, uns loszulassen. Er gibt uns die Kraft, jede Krise zu überstehen und aus ihr stärker, weiser und gesegnet hervorzugehen.