Klimawandel
„Das erste Kapitel der Genesis sollte nicht als Pseudowissenschaft und noch weniger als Mythos verstanden werden, sondern als Rechtslehre, das heißt, als Grundlage des moralischen Gesetzes.“
Würde es uns gelingen, das erste Kapitel der Genesis genau zu deuten, könnten wir einige der unnötigen Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftlern und Gottgläubigen beenden.
Das Erste, was es bei dem Kapitel zu bemerken gäbe, wäre seine enorme Kürze: gerade einmal vierunddreißig Verse. Rund fünfzehn Mal so lang ist in der hebräischen Bibel die Beschreibung von der Errichtung des Heiligtums durch die Israeliten in der Wüste. Es ist schon erstaunlich, dass der größte und wichtigste Bericht der Welt über die Entstehung des Universums so kurz ist.
Des Weiteren beachte man seinen numerischen Aufbau. Wir kennen die Bedeutung der Zahl Sieben. Das Universum ist in sieben Tagen entstanden. Siebenmal kommt das Wort „gut“ vor. Aber das Muster führt viel tiefer. Der erste Vers der Genesis enthält sieben hebräische Wörter, der zweite vierzehn. Der Bericht über den siebten Tag enthält fünfunddreißig. Das Wort „Gott“ kommt fünfunddreißigmal vor, das Wort „Erde“ einundzwanzigmal. Der gesamte Abschnitt enthält 469 (7 mal 67) Wörter. Durch diese Andeutungen soll uns etwas signalisiert werden. Das Universum hat eine Struktur, und sie ist mathematisch.
Dann wäre da noch die eigentliche Gliederung. In den ersten drei Tagen schafft Gott verschiedene Bereiche: Licht und Dunkelheit, obere und untere Wasser, Meer und trockenes Land. An den nächsten drei Tagen bevölkert er diese Bereiche einen nach dem anderen: zuerst die Sonne, den Mond und die Sterne, dann Vögel und Fische, schließlich Landtiere und Menschen. Der siebte Tag ist heilig. So verkörpert die Zahl sechs (die Schöpfungstage) die natürliche Ordnung, sieben hingegen symbolisiert das Übernatürliche.
Wie als eine unbeabsichtigte Bestätigung schrieb Sir Martin Rees, der Astronom Royal [königliche Hofastronom], ein Buch mit dem Titel Just Six Numbers[1] [Nur sechs Zahlen], in dem er aufzeigte, dass die gesamte Struktur des körperlichen Universums durch sechs mathematische Konstanten bestimmt wird.
Über diese Strukturmerkmale hinaus bemerken wir eine scharfe Polemik. Den meisten Lesern der Bibel ist nur schemenhaft bewusst, in welchem Maße sie von einer Polemik gegen Mythen geprägt ist. Im Falle des ersten Kapitels des Buches Genesis ist dies ganz offensichtlich: Es fehlt das Element des Kampfes zwischen rivalisierenden Göttern, das in allen mythischen Schöpfungsberichten vorherrscht. In der biblischen Erzählung gibt es keine Opposition, keinen Konflikt. Gott spricht, und die Welt entsteht. Max Weber nannte dies die „Entzauberung“, die Entmythologisierung, der Welt. Er hielt dies für die Grundlage des westlichen Rationalismus.
Zuweilen ist die Polemik etwas subtiler. Lesen Sie den Bericht über den zweiten Tag, an dem die Wasser geteilt werden, und Sie werden sehen, dass an diesem einzigen der sechs Tage das Wort „gut“ nicht vorkommt. Dafür erscheint es am dritten Tag gleich zweimal. Dies ist eine Anspielung auf eines der häufigsten Merkmale der Mythologie: der Urkampf gegen die Meeresgöttin, Symbol für die Kräfte des Chaos. Die Bibel weist dies zurück, und sie tut dies mit einem einzigen indirekten Hinweis darauf, dass die Ordnung des Urwassers eineinhalb Tage statt eines Tages dauerte. Der Schöpfungsbericht ist ein Antimythos.
Die Schöpfungsgeschichte ist also nicht etwa ein proto-wissenschaftlicher Bericht über die Entstehung des Universums und den Urknall. Ihr Anliegen ist klar. Das Universum ist gut: Ein weltverneinender Nihilismus ist damit ausgeschlossen. Es ist das Ergebnis eines einzigen schöpferischen Willens, somit ist Mythen die Grundlage entzogen. Das Universum ist ein Ort der Struktur und Ordnung. Und indem der Text impliziert, dass die Welt nicht irrational ist und von kapriziösen Mächten beherrscht wird, ist er auch eine Einladung an die Wissenschaft.
Aber warum steht dann das erste Kapitel des Buches Genesis ebendort? Diese Frage gibt uns Rätsel auf, weil wir vergessen, dass die hebräische Bibel im Judentum Tora heißt, was so viel wie Lehre, Weisung oder genauer gesagt: Gesetz bedeutet. Das erste Kapitel der Genesis sollte nicht als Pseudowissenschaft und noch weniger als Mythos verstanden werden, sondern als Rechtslehre, das heißt, als Grundlage des moralischen Gesetzes. Gott hat die Welt erschaffen; somit ist Gott ihr Eigentümer. Wir sind seine Gäste – Fremde und vorübergehende Bewohner, wie es die Bibel ausdrückt. Gott hat das Recht, die Bedingungen für unseren Aufenthalt auf der Erde zu bestimmen. Die radikale Botschaft der Genesis ist, dass die göttliche Souveränität konstitutionell ist. Gott regiert nicht durch Macht, sondern aufgrund von Recht und Gesetz, und so müssen wir es Ihm auch gleichtun.
Mithin lässt sich das erste Kapitel von Genesis so formulieren, dass selbst der entschiedenste Verfechter des Säkularismus dem zustimmen könnte. Die Welt gehört uns nicht. Wir besitzen sie als Verwahrer für jene, die nach uns kommen werden.
Es bedarf nur der Bereitschaft, unseren Besitzanspruch an der Erde aufzugeben, um das zentrale Anliegen der Geschichte zu untermauern: dass wir hier sind, um die Erde und alles, was sie enthält, zu schützen und nicht zu zerstören oder zu gefährden.
[1] Martin Rees, Just Six Numbers: The Deep Forces That Shape the Universe (London, Weidenfeld & Nicolson, 1999).