Glaube und Ritual

22. März 2013
Gift present wrapped give precious blue

Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 22nd March 2013

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„Durch Rituale bewahren sich Zivilisationen ihr Gedächtnis und halten jenen, die vor ihnen lebten, die Treue, um ihr Vermächtnis der Zukunft zu vererben.“

Wird in Großbritannien über Religion gesprochen, so geht es zumeist um Glaubensvorstellungen. Aus jüdischer Sicht scheint dies eher befremdlich. Zwar ist der Glaube von Bedeutung, doch geht es für uns bei der Religion im Wesentlichen um Rituale, das heißt, um die Dinge, die wir als Ausdruck unseres kollektiven Gedächtnisses und unserer geteilten Ideale gemeinsam tun. Das Ritual ist die Poesie der Handlungen, die Choreographie des Glaubens, und nirgendwo sonst wird dies deutlicher sichtbar als an Pessach, dem Fest, dessen Auftakt wir an diesem Montagabend feiern.

An diesem Abend erzählen wir die Geschichte des bedeutendsten Ereignisses in der jüdischen Geschichte: des Auszugs aus Ägypten und des langen Weges aus der Sklaverei in die Freiheit. Wir erzählen sie am Abendtisch, in der Regel im größeren Familienkreis. Und wir erzählen sie nicht nur, sondern wir schmecken sie auch: Wir essen Matze (ungesäuertes Brot) und Maror (Bitterkraut), um uns den Schmerz der Unterdrückung in Erinnerung zu rufen, und wir trinken Wein und singen Lieder, um die Tatsache zu feiern, dass wir trotz allem überlebt haben und nun davon berichten.

Was dem Pessach-Fest seine ungebrochene Kraft verleiht, ist die Art und Weise, wie wir unsere Erinnerung und Identität über alle Generationen hinweg weitergeben. Es beginnt mit einer Reihe von Fragen, die das jüngste Kind stellt, und mir ist noch heute gegenwärtig, wie ich sie als Vier- oder Fünfjähriger im Beisein meiner Großeltern stellte.

Es war schon ein kleiner Schock, als ich plötzlich feststellte, dass nun ich der Großvater bin und die fragenden jungen Menschen meine Enkel sind. Was für eine Bedeutung gewinnt doch hier die Kontinuität, wenn ich im Verlauf meines Lebens selbst Zeuge werde, wie fünf Generationen die gleiche Geschichte erzählen, die gleichen Fragen stellen, die gleichen Lieder singen, lernen, was Freiheit bedeutet, und wie sich ihr Verlust anfühlt und schmeckt!

Das ist die Kraft der Rituale, der einfachen Taten, die wir als Kinder tun, weil es Spaß macht, und als Erwachsene, weil wir wissen, dass der Kampf um Freiheit und Menschenwürde nie zu Ende ist und wir in jedem Zeitalter bereit sein müssen, sie von Neuem zu erkämpfen.

Durch Rituale bewahren sich Zivilisationen ihr Gedächtnis und halten jenen, die vor ihnen lebten, die Treue, um ihr Vermächtnis der Zukunft zu vererben. Das Wertvollste, was mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben haben und was ich wiederum unseren Kindern mit auf den Weg geben wollte, waren Ideale, die es zu verwirklichen galt. Alles Übrige war lediglich eine Geschenkverpackung, an der wir uns kurz erfreuten und die wir dann wieder vergaßen.

Unsere Grundsätze inspirieren unsere Kinder und verwandeln letztlich die Welt, wenn sie in den Liedern, die wir singen, den Geschichten, die wir erzählen, und den Ritualen, die wir ausführen, Gestalt annehmen. Der Beleg dafür ist Pessach: die Geschichte, die Juden seit mehr als 3000 Jahren Hoffnung verleiht.