Freiwilligenarbeit

11. Juni 2005
The gleaners ruth Painting Jean Francois Millet

Published in The Times, 11th June 2005

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„Das Paradox der Freiwilligenarbeit ist, dass wir, je mehr wir geben, umso mehr empfangen.“


In Großbritannien fand letzte Woche die Week of the Volunteer statt [eine Aktionswoche zur Würdigung und Förderung ehrenamtlichen Engagements]. Nächste Woche feiern wir in den jüdischen Gemeinden Schawuot, das Wochenfest. Auf der Suche nach einer Verbindung zwischen beidem – dem Aktuellen und dem Zeitlosen – wurde ich in dem Text fündig, den wir an diesem Fest lesen: dem Buch Rut.

Die Geschichte von Rut ist von einer schlichten, nie verblassenden Schönheit. Sie handelt von zwei Frauen: der Israelitin Naomi und ihrer moabitischen Schwiegertochter Rut und der menschlichen Bindung zwischen ihnen. Naomis Mann und ihre Söhne sind gestorben. Beide Frauen sind nun kinderlose Witwen. Naomi erklärt Rut, dass sie getrennte Wege gehen und ihr eigenes Leben neu aufbauen müssen. Rut weigert sich. Sie begleitet Naomi zurück nach Israel und heiratet schließlich ein weiteres Mitglied der Familie: Boas. Aus dieser Ehe ging drei Generationen später David hervor, Israels größter König.

Das hebräische Wort Chessed charakterisiert das Buch. In der Regel wird Chessed mit „Gutherzigkeit“ oder „liebevolle Güte“ übersetzt. Das ist es, was die Hauptfiguren des Buches verbindet. Tatsächlich wurde damit der englischen Sprache ein Wort hinzugefügt. Im Mittelenglischen bedeutete ruth „Freundlichkeit“. Heute überlebt nur noch seine Verneinung: das Wort ruthless, „rücksichtslos“. Aber dieser Geschichte wohnt eine ungeheure Kraft inne. Kinderlose Witwen waren die schwächsten und wehrlosesten Mitglieder der alten Gesellschaften. Zudem trennte Rut und Naomi ihre unterschiedliche ethnische Zugehörigkeit. Von jeher waren die Israeliten und die Moabiter miteinander verfeindet. Außer dem gegenseitigen Misstrauen hatten sie nichts gemeinsam. Wann immer ich dieses Buch lese, kommt mir die berühmte Wendung von Tennessee Williams in den Sinn: die „Freundlichkeit von Fremden“. In Rut geht es um die einfachen Gesten, über alle Unterschiede hinaus, um die universelle Sprache der Unterstützung für Menschen in Not.

Die Botschaft des Buches ist nach wie vor aktuell. An Schawuot feiern wir die Offenbarung des Gesetzes am Berge Sinai. Doch die Tatsache, dass wir bei dieser Gelegenheit die Geschichte von Rut lesen, zeigt uns, dass eine Gesellschaft nicht allein durch Gesetze gestaltet werden kann. Sie erfordert mehr noch als das: die ungezwungene, nicht gesetzlich geregelte Freundlichkeit, die uns dazu bringt, den Einsamen und Schwachen die Hand zu reichen, auch dann, wenn wir selbst einsam und schwach sind. Damals wie heute braucht die Gesellschaft die Freundlichkeit von Fremden.

Das ist es, was Freiwilligenarbeit ausmacht – und sie ist Teil der unbesungenen Größe des heutigen Großbritannien. Unsere Nation ist ruthful, nicht ruthless, rücksichtsvoll, nicht rücksichtslos; 26 Millionen Briten engagieren sich in irgendeiner Form in der Freiwilligenarbeit. Weitere 11 Millionen sagen von sich selbst, dass sie „warten, gefragt zu werden“. Die Zahlen steigen weiter an, vor allem unter jungen Menschen.

Wir haben dies bei der Welle der Großzügigkeit nach der Tsunami-Tragödie im letzten Jahr gesehen. Es zeigt sich erneut in der Aktion Make Poverty History [einer Kampagne gegen weltweite Armut]. Wir nehmen Anteil. Wir wollen spenden. Wir bemühen uns zu helfen. Wir sind nicht nur eine Verkettung von selbstlosen Genen. Wie Rut und Boas reichen auch wir dem Fremden die Hand. Freundlichkeit, Mitgefühl, Chessed, machen den Kern unserer Menschlichkeit aus. Sie stehen für die merkwürdige und unerwartete Wahrheit, dass wir Stärke entdecken, wenn wir unsere Schwächen teilen.

Das Paradox der Freiwilligenarbeit ist, dass wir, je mehr wir geben, umso mehr empfangen. Unzählige Male habe ich Menschen für ihre freiwillige Arbeit gedankt, nur um von ihnen zu hören: „Ich bin es, der für die Gelegenheit, Hilfe zu leisten, danken möchte.“ Wenn wir andere aufrichten, werden wir selbst aufgerichtet. Glück – das Gefühl eines erfüllten Lebens – entsteht durch den Segen, den wir anderen zukommen lassen. Dem Leben eines anderen Menschen Hoffnung zu geben, verleiht unserem eigenen Leben Sinn.

Es berührt mich zutiefst, dass die Bibel der Geschichte von Davids Urgroßmutter Rut ein Buch widmet, als wolle sie sagen, dass ihr Leben nicht weniger bedeutsam war als das seine. Sie war eine Fremde, eine Außenseiterin, ein Frau mit nichts weiter als ihrer eigenen Charakterstärke, ihrer Weigerung, sich von den Problemen eines anderen Menschen abzuwenden. David war ein Kriegsheld, ein Meister der Politik, ein König. Es gibt eine Form der Größe, so die Bibel, die nichts mit Macht, Ruhm oder Ansehen zu tun hat. Sie besteht aus einfachen Taten der Güte und Freundschaft, Großzügigkeit und Barmherzigkeit. Selten machen sie Schlagzeilen. Aber sie verändern Menschenleben, indem sie einem Teil des Schmerzes im menschlichen Dasein Erlösung bringen.

Die Freiwilligen Großbritanniens sind unsere Ruts. Sie alle schreiben ihre eigene Fortsetzung von Ruts Geschichte. Freiwilligenarbeit ist selten glamourös und nie einfach, vor allem für diejenigen, die ohnehin schon unter großem Zeitdruck stehen. Doch wenn man auf ein Leben zurückblickt, gibt es nur wenige Dinge, die mehr bedeuten, als von sich sagen zu können: „Ich habe etwas bewirkt.“ Unter dem Lärm des Eigeninteresses flüstert eine ruhigere Stimme in uns die tiefere Wahrheit, dass das größte Geschenk darin besteht, geben zu können.