Die zwei Gesichter der Religion
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 23rd November 2015
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„Im Namen Gottes begangener Terror ist eine selbstverschuldete Verletzung im Herzen des Glaubens selbst.“
Gestern befand ich mich in einer tiefen kognitiven Dissonanz.
Während Brüssel aus Angst vor einem weiteren Terroranschlag abgeriegelt ist, die Erinnerungen an Paris und Mali noch frisch im Gedächtnis, hörten wir die Worte des Erzbischofs von Canterbury, der gestand, dass selbst er Zweifel habe, wo Gott ist. „Warum geschieht das?“, fragte er sich, „Wo bist Du bei alldem?“
Doch gleichzeitig fand gestern hier in Großbritannien und in neunzehn anderen Ländern der Welt einer der großen Momente des Segens zwischen den Religionen statt. Er wird Mitzvah Day [Mizwa-Tag] genannt, nach dem jüdischen Wort für eine gute Tat oder gütige Handlung. Er wurde vor sieben Jahren in der jüdischen Gemeinde ins Leben gerufen. Die Grundidee war, dass wir an einem Tag im Jahr jemandem, der nicht unserem Glauben angehört, eine gute Tat erweisen und uns in Liebe über die uns trennenden Grenzen hinweg die Hand reichen sollten.
Es war eine so schöne Idee, dass sich zunächst die Hindu-Gemeinschaft, dann Christen und Muslime und schließlich alle Glaubensrichtungen beteiligten, indem sie Bedürftigen Lebensmittel spendeten, Obdachlosen Kleidung brachten und Unterkunft gewährten, älteren und allein lebenden Menschen Gesellschaft leisteten und Kindern in Krankenhäusern Spielzeug schenkten. Kirchen, Synagogen und Moscheen beteiligten sich an der Aktion und zeigten, dass Güte ansteckend sein kann und der Glaube uns zusammenführen kann, wenn wir nur zulassen, dass er uns dazu bewegt, einige der Brüche in unserer stark verletzten Welt zu heilen.
Wie lassen sich diese beiden Gesichter der Religion miteinander vereinbaren? Ich glaube, dass sich hier eine tiefgründige Botschaft erkennen lässt. Gott, wie Er im Himmel ist, ist unveränderlich. Aber Gott, wie Er hier auf Erden ist – was wir im Judentum die Schechina, die göttliche Gegenwart, nennen – hängt davon ab, was wir in Seinem Namen tun.
Wenn wir Gott mit Liebe und Taten der Nächstenliebe dienen, insbesondere gegenüber Fremden, vor allem, wenn es uns schwerfällt, dann ist Gottes Name damit geheiligt, und wir spüren Seine Gegenwart unter uns und wie sie unsere Herzen füreinander öffnet und uns auf den Flügeln der Gunst emporhebt. Benutzen wir jedoch Gottes Namen, um Gewalt gegen Unschuldige zu rechtfertigen, jene zu morden, die Gott selbst mit seinem Ebenbild bedacht hat, dann wird Sein Name entweiht und Seine Gegenwart aus der Welt verbannt. Wenn dies geschieht, fragen sich selbst die Gläubigsten: „Wo ist Gott bei alldem?“
Im Namen Gottes begangener Terror ist eine selbstverschuldete Verletzung im Herzen des Glaubens selbst. Nur wenn die Religionen der Welt dies bekennen und danach handeln, werden wir die göttliche Gegenwart zurück in die gemeinsamen Räume unseres vernetzten Lebens bringen.