Die Wahrscheinlichkeit des Glaubens
„Man muss nicht religiös sein, um ein Gefühl der Ehrfurcht vor der schieren Unwahrscheinlichkeit der Dinge zu haben.“
Wir schulden der British Humanist Association Dank für ihre Werbung an Bussen: „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott.“ Sie ist ein hilfreicher Denkanstoß, weil sie uns auffordert, nicht nur über Gott, sondern auch über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken.
Eine der Entdeckungen der modernen Wissenschaft ist die schiere Unwahrscheinlichkeit des Universums. Demnach wird es von sechs fundamentalen Kräften bestimmt, die, würden sie sich nur geringfügig ändern, derart zur Ausdehnung oder Verdichtung des Universums führen würden, dass die Entstehung von Sternen ausgeschlossen wäre. Wenn wir nicht von der Existenz von Millionen oder Billionen anderer Universen ausgehen (was an sich einen großen Glaubenssprung bedeuten würde), ist die Tatsache, dass es überhaupt ein Universum gibt, äußerst unwahrscheinlich.
Das gilt auch für die Existenz von Leben. Unter den hundert Milliarden Galaxien mit jeweils Milliarden von Sternen scheint nur ein einziger uns bekannter Planet, die Erde, für die Entstehung von Leben wie geschaffen zu sein. Und über welche Zwischenstufen wurde aus Nicht-Leben Leben?
Die Lösung dieses Rätsels scheint derart unwahrscheinlich, dass Francis Crick sich gezwungen sah, eine These aufzustellen, nach der das Leben irgendwo anders entstanden sein muss, vielleicht auf dem Mars, und über einen Meteoriten hierher gelangte, wodurch das Rätsel nur noch mysteriöser wird.
Wie ist dieses Leben empfindungsfähig geworden? Und wie entwickelte sich diese Empfindungsfähigkeit zu einem Ichbewusstsein, dieser seltsamen Gabe, die nur der Homo sapiens besitzt? Stephen J. Gould kam zu dem Schluss, dass es angesichts der vielen Unwahrscheinlichkeiten zweifelhaft ist, ob es zur Entstehung des Homo sapiens käme, wenn der Evolutionsprozess noch einmal von vorn beginnen würde.
Man muss nicht religiös sein, um ein Gefühl der Ehrfurcht vor der schieren Unwahrscheinlichkeit der Dinge zu haben. Vor einigen Wochen hat James Le Fanu ein Buch mit dem Titel Why Us[1] veröffentlicht, in dem er argumentiert, dass wir kurz vor einem Paradigmenwandel im wissenschaftlichen Verständnis stehen. Die Komplexität des Genoms, die Entstehung der ersten mehrzelligen Lebensformen, die Ursprünge des Homo sapiens und der enorm erweiterte Umfang unseres Gehirns – all das und noch viel mehr sei zu ausgeklügelt, um es mit der reduktiven, materialistischen, darwinistischen Wissenschaft erklären zu können.
Eine Woche später veröffentlichte Michael Brooks 13 ungelöste Rätsel der Wissenschaft[2], wobei das Wichtigste der freie Wille des Menschen ist. Je weiter wir in der Wissenschaft vordringen, desto mehr erkennen wir, wie wenig wir doch verstehen. Die Unwahrscheinlichkeiten nehmen immer mehr zu, ebenso wie unser Anlass zum Staunen.
Und dabei reden wir nur von der Wissenschaft. Was aber ist mit der Geschichte? Wie wahrscheinlich war es, dass ein Mann, der keine Wunder vollbrachte und keine Macht ausübte, zur einflussreichsten Persönlichkeit werden würde, die je gelebt hat, und dass mehr als die Hälfte der heute lebenden sechs Milliarden Menschen ihre geistige Abstammung auf diesen Mann namens Abraham zurückführen?
Wie wahrscheinlich war es, dass ein winziges Volk – die Kinder Israels, heute als Juden bekannt – mit weniger als einem Fünftel Prozent der Weltbevölkerung jedes Imperium überdauern würde, das seine Zerstörung anstrebte? Oder dass eine kleine, verfolgte Sekte, die Christen, eines Tages zur größten Bewegung auf der Welt werden würde?
Wie wahrscheinlich war es, dass die Sklaverei abgeschafft werden würde, dass Tyranneien fallen würden, dass die Apartheid enden würde und dass ein Afroamerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden würde? Alles Interessante im Leben, das Universum mit allem Drum und Dran ist wahrlich unwahrscheinlich, wie uns Nassim Nicholas Taleb in seinem Buch Der schwarze Schwan[3] mit dem Untertitel Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse vergegenwärtigt. Der Titel des Buches leitet sich von der Tatsache ab, dass die Menschen davon überzeugt waren, dass es keine schwarzen Schwäne gäbe, da noch nie jemand einen gesehen hatte – bis jemand Australien entdeckte.
Eine interessante Unwahrscheinlichkeit ist, dass der Mann, der die Wahrscheinlichkeitstheorie entwickelte, ein brillanter junger Mathematiker namens Blaise Pascal, im Alter von dreißig Jahren beschloss, Mathematik und Wissenschaft aufzugeben und den Rest seines Lebens der Erkundung des religiösen Glaubens zu widmen.
Der Glaube ist die Niederlage des Wahrscheinlichen gegen die Macht des Möglichen. Die Propheten träumten das Unwahrscheinliche und haben so zu seiner Verwirklichung beigetragen. Alle großen menschlichen Errungenschaften, sowohl in der Kunst und Wissenschaft als auch im geistigen Leben, wurden von Menschen vollbracht, die das Wahrscheinliche ignorierten und an das Mögliche glaubten.
Die Buswerbung wäre also durch eine kleine Änderung zu verbessern. Statt „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott“ sollte sie lauten: „Obschon unwahrscheinlich, gibt es einen Gott.“
[1] James Le Fanu, Why Us?: How Science Rediscovered the Mystery of Ourselves (London, HarperPress, 2010).
[2] Michael Brooks, Das Licht war früher auch mal schneller: 13 ungelöste Rätsel der Wissenschaft (Berlin, Ullstein Verlag, 2009).
[3] Nassim Nicholas Taleb, Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse (München, Penguin Verlag, 2020)