Die gute Gesellschaft

19. Februar 2016
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Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 19th February 2016

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„…die gute Gesellschaft ist eine, in der wir alle die Chance haben, uns zu entfalten, weil wir alle gleichermaßen Kinder Gottes sind.“

Morgen ist der Welttag der sozialen Gerechtigkeit der Vereinten Nationen. Das ist interessant, war doch Friedrich August von Hayek, einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts, der Meinung, dass so etwas wie soziale Gerechtigkeit überhaupt nicht existiere. Er nannte sie eine Fata Morgana, ein Phantom, ein bedeutungsloses Konzept, eine nichtssagende Beschwörung, ein Zeichen für schlampiges Denken und intellektuelle Unaufrichtigkeit. Er war der Meinung, dass es Gerechtigkeit für den Einzelnen zwar gibt, eben jene, die man durch Gesetze und Gerichte erhält, nicht aber für die Gesellschaft als Ganzes.

Die hebräische Bibel argumentiert jedoch gegenteilig. Es gibt zwei Wörter für Gerechtigkeit: Zedek und Mischpat. Mischpat bedeutet individuelle Gerechtigkeit. Zedek jedoch bedeutet soziale Gerechtigkeit, und ich denke, das ist einer der großen Beiträge, den die Welt der Bibel zu verdanken hat. Es bedeutet, dass wir vor Gott alle gleich sind. Wir alle tragen sein Ebenbild und sind nach seinem Gleichnis geschaffen worden. Und die Gesellschaft sollte dies in irgendeiner Weise widerspiegeln, nicht unbedingt in Form von Reichtum oder Macht, aber doch zumindest in Form von Würde und Chancen. Es war vielleicht der erste Versuch in der Geschichte, sich von den sozialen Hierarchien zu befreien, die mit der Entstehung von Städten und Zivilisationen aufkamen, und es ist dem Westen über viele Jahrhunderte eine Inspiration gewesen.

Sind wir also schon am Ziel? Noch nicht ganz. Gestern war in den Nachrichten zu lesen, dass Menschen aus ärmeren Verhältnissen immer noch nicht in annähernd proportionaler Zahl Zugang finden zu den besten Universitäten. In den letzten Jahren haben mehrere namhafte amerikanische Denker mit überzeugenden Beweisen argumentiert, dass die soziale Mobilität in den Vereinigten Staaten so weit zurückgeht, dass die Geschichte vom American Dream nicht mehr der Realität entspricht, nämlich, dass jeder es nach oben schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Der amerikanische Traum, sagen sie, ist zerbrochen.

Und es wird noch schlimmer werden, denn wir stehen noch immer erst am Anfang der Informationsrevolution. Die künstliche Intelligenz hat bereits jetzt den Punkt erreicht, an dem mein Telefon schlauer ist als ich selbst. Und diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Viele Tätigkeiten, für die heute noch Menschen angestellt werden, werden in Zukunft von Maschinen übernommen werden. Entweder wird die Arbeitslosigkeit zunehmen, oder wir werden Wege finden müssen, die Arbeit aufzuteilen und die Freizeit auszudehnen. Die Ungleichheiten nehmen überall auf der Welt zu. Wie weit wollen wir das noch mit ansehen?

Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir wirklich an soziale Gerechtigkeit glauben oder nicht. Vielleicht ist das Leben lediglich ein darwinistischer Kampf, in dem der Stärkere überlebt. Aber ich glaube, die Bibel sagt uns etwas anderes: dass die gute Gesellschaft eine ist, in der wir alle die Chance haben, uns zu entfalten, weil wir alle gleichermaßen Kinder Gottes sind.