Die Corona-Pandemie

15. Mai 2020
COVID world

Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 15th May 2020

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„Wenn Krieg oder Krankheit uns alle trifft, lernt man, für jeden von uns zu sorgen.“

Wenn die schlimmste Zeit der Pandemie überstanden sein wird, welche Art Zukunft streben wir dann an? Werden wir versuchen, so weit wie möglich zu dem zurückzukehren, was früher war? Oder werden wir versuchen, eine gerechtere und fürsorglichere Gesellschaft zu schaffen? Welchen Einfluss hat die gemeinschaftlich erlittene Tragödie auf die menschliche Vorstellungskraft?

Der Philosoph Hegel sagte, das Einzige, das wir aus der Geschichte lernen, ist, dass wir nichts aus der Geschichte lernen. Die großen Propheten der hebräischen Bibel, die Tragödien erfahren haben, wie Jesaja und Jeremia, sagten in der Tat, dass wir aus der Geschichte lernen müssen, wenn wir vermeiden wollen, dass sie sich wiederholt. Wir müssen den Schmerz, der uns widerfahren ist, nutzen, um uns für den Schmerz anderer zu sensibilisieren, der Armen, Schwachen und Gefährdeten – der Witwe, der Waise und des Fremden. Kollektives Leid kann uns vom „Ich“ zum „Wir“ bewegen, vom Verfolgen des Eigeninteresses hin zur Sorge um das Gemeinwohl. Wie wird es für uns sein? Es lohnt sich, einen Blick auf die letzten beiden großen Tragödien der westlichen Geschichte zu werfen: den Ersten Weltkrieg und die Spanische Grippe-Pandemie von 1918 sowie den Zweiten Weltkrieg. Nach 1918 änderte sich nicht viel. Es war ein Zeitalter des Individualismus und der Ungleichheit, der Roaring Twenties[1] und von Der große Gatsby, der wilden Tänze und noch wilderen Partys, als wollten die Menschen nur vergessen und ihre Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.

Das war zwar eine vergnügliche Zeit, aber sie führte zum Generalstreik von 1926 und zum großen Börsenkrach von 1929, zur Rezession der 1930er Jahre und zum Aufstieg von Nationalismus und Faschismus auf dem europäischen Kontinent. Und nur einundzwanzig Jahre nach „dem Krieg, der alle Kriege beenden sollte“, befand sich die Welt erneut im Krieg. In diesem Fall hatte Hegel recht. Die Menschen hatten nichts aus der Geschichte gelernt.

Die Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg war hingegen ganz anders. Mit dem Education Act [dem britischen Bildungsgesetz] von 1944 wurde die Sekundarschulbildung für alle Menschen zugänglich gemacht. Es gab die Gründung des National Health Service [des britischen staatlichen Gesundheitsdienstes] und die Geburt des Wohlfahrtsstaates. Amerika entwickelte den Marshallplan, der einem verwüsteten Europa half, sich wieder aufzubauen. Das Ergebnis waren siebzig Jahre Frieden. Die Menschen verstanden, dass sie etwas Solidarischeres schaffen mussten. Wenn Krieg oder Krankheit uns alle trifft, lernt man, für jeden von uns zu sorgen.

Ich hoffe, dass genau das auch jetzt geschieht, dass wir eine gerechtere Gesellschaft aufbauen, in der menschliche Werte genauso viel zählen wie wirtschaftliche. Wir haben zu viel durchgemacht, um einfach dorthin zurückzukehren, wo wir waren. Wir müssen dem Fluch etwas Segen und dem Schmerz etwas Hoffnung entringen.


[1] Der Begriff bezieht sich vor allem auf die 1920er Jahre in den USA. Im deutschen Sprachraum spricht man häufig von den „Goldenen Zwanzigern“, wobei es jedoch keine völlige Deckungsgleichheit gibt.