Das Zeitalter der Gier
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 3rd October 2008
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„Die eigentliche Bewährungsprobe einer Gesellschaft liegt nicht in der Abwesenheit von Krisen, sondern darin, wie wir aus ihnen hervorgehen: zynisch und desillusioniert oder aber gestärkt durch unsere Rückbesinnung auf höhere Ideale.“
In der kommenden Woche werden wir in der jüdischen Gemeinde Jom Kippur begehen, den Versöhnungstag, den heiligsten Tag des jüdischen Kalenderjahres. Wir werden den ganzen Tag in der Synagoge verbringen, fasten, unsere Sünden bekennen, unsere Fehler eingestehen und um Vergebung beten.
Etwas in dieser Art scheint mir für die Gesundheit einer Kultur unerlässlich zu sein. Häufig sehen wir, wie Dinge misslingen. Selten sehen wir jedoch, dass jemand sich meldet, die Verantwortung übernimmt und zugibt: „Ich habe mich geirrt. Ich habe einen Fehler begangen. Ich gebe es zu. Ich bitte um Entschuldigung. Und nun lasst uns gemeinsam daran gehen, es wiedergutzumachen.“
Stattdessen tun wir anderes: Wir leugnen, dass es überhaupt ein Problem gibt. Oder, wenn dies unmöglich ist, schieben wir die Schuld einem anderen in die Schuhe oder erklären: „Es lag an Umständen, die sich unserem Einfluss entzogen.“ Die Folge ist, dass wir verlernen, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein.
Im Jahr 1863, mitten im Bürgerkrieg, rief Abraham Lincoln in Amerika einen Tag des nationalen Fastens und Betens aus. Dies war eine außergewöhnliche Maßnahme. Schließlich kämpfte Lincoln für eine ehrenhafte Sache, die Abschaffung der Sklaverei. Wofür hatten er oder seine Mitstreiter also zu büßen?
Doch Amerika war zerrissen, und so bat er die Nation, sich einen Tag der Besinnung und des Gebets zu widmen. „Es ist der Völker wie auch der Menschen Pflicht“, hieß es in der Proklamation, „ihre Sünden und Verfehlungen zu bekennen, in demütiger Betrübnis, doch in der Zuversicht, dass echte Buße zu Gnade und Vergebung verhelfen wird.“ Es war Amerikas Versöhnungstag.
Die Folge war, dass Lincoln zwei Jahre später in seiner zweiten Antrittsrede eine der größten heilenden Reden der Geschichte halten konnte, in der er alle Amerikaner aufforderte, „die Wunden der Nation zu heilen“ und für jene zu sorgen, die während des Krieges gelitten hatten und noch immer litten.
Wir durchleben weltweit schwierige Zeiten, und wir werden all unsere innere Stärke aufbringen müssen, um die Turbulenzen durchzustehen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und neu zu beginnen. Die eigentliche Bewährungsprobe einer Gesellschaft liegt nicht in der Abwesenheit von Krisen, sondern darin, wie wir aus ihnen hervorgehen: zynisch und desillusioniert oder aber gestärkt durch unsere Rückbesinnung auf höhere Ideale.
Das Zeitalter der Gier ist vorbei. Wird nun ein Zeitalter der Verantwortung anbrechen? Das wird von unserer Fähigkeit abhängen, Fehler einzugestehen und uns erneut dem Gemeinwohl zu verpflichten. Buße, die Fähigkeit zu ehrlicher Selbstkritik, ist die Voraussetzung, den Sturm unbeschadet zu überstehen, ohne den Weg aus den Augen zu verlieren.