Armistice Day
„Eine Nation ist nicht einfach ein Ort, an dem wir uns gerade aufhalten. Sie ist auch eine Geschichte, von deren Erzählung wir ein Teil sind.“
Jedes Jahr bin ich von der Gedenkfeier zum Remembrance Sunday [dem britischen Gedenktag für die Kriegstoten] am Londoner Kenotaph [dem zentralen britischen Kriegsdenkmal] tief bewegt. Obwohl sie vornehmlich an Ereignisse aus einer Zeit erinnert, in der die meisten von uns noch nicht geboren waren, spricht sie beredt von den Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir brauchen, um eine solide Zukunft aufzubauen.
Der ursprünglich als Armistice Day [Tag des Waffenstillstands] begangene Gedenktag erinnert an den Moment, als die Kanonen am Ende des Ersten Weltkriegs 1918, zur elften Stunde des elften Tages des elften Monats, verstummten. Die Mohnblumen wiederum erinnern an den Mohn, der in den Feldern von Flandern wuchs, wo einige der längsten und blutigsten Schlachten ausgetragen wurden. Man nannte ihn den „Krieg, der alle Kriege beendet“, doch einundzwanzig Jahre später wurde die Welt erneut zum Schlachtfeld. Frieden und Freiheit sind schwer zu erringen, aber sie sind noch schwerer zu erhalten.
Was ist das Besondere an dieser Zeremonie, das sie so wirkungsvoll macht? In erster Linie ist es ein nationales Ereignis, ein Akt der kollektiven Identität und Zugehörigkeit. Um das Kenotaph versammeln sich die Queen und andere Mitglieder der königlichen Familie, der amtierende und frühere Premierminister, Vertreter des Parlaments und der Regierungen der Staaten des Commonwealth, die führenden Köpfe der Streitkräfte, religiöse Führungspersönlichkeiten und vor allem das große Kontingent ehemaliger Soldaten und Soldatinnen, die für die Freiheit, die wir heute genießen, gekämpft haben. Wenn wir ein lebendiges Symbol für den sozialen Zusammenhalt suchen – eine Nation, die in der Hingabe an ein Ideal vereint ist –, so ist es hier.
Zweitens gemahnt uns die Gedenkfeier am Remembrance Sunday an den Dank, den wir denen schulden, die uns vorausgegangen sind: ein Akt der Danksagung der Gegenwart an die Vergangenheit – vielleicht das einzige Geschenk, das die Lebenden den Toten machen können.
Die Gesellschaft ist, wie Edmund Burke sagte, ein Vertrag zwischen den Toten, den Lebenden und denen, die noch nicht geboren sind; und ohne dieses Verständnis einer generationenübergreifenden Loyalität würden wir niemals die Opfer bringen, die es für eine Zukunft braucht, die wir selbst vielleicht nicht mehr erleben werden. Durch öffentliches Schweigen müssen wir Raum schaffen, um über die Jahre hinweg den Ruf der Verstorbenen zu hören: „Wenn ihr heimkehrt, erzählt ihnen von uns und sagt: Für euer Morgen haben wir unser Heute gegeben.“
Drittens sagt uns die Zeremonie, dass es keine Identität ohne einen Sinn für Geschichte geben kann. Brite zu sein, ob durch Geburt oder Adoption, bedeutet, Teil einer Geschichte zu sein, die in Ritualen, Symbolen und Gedenkfeiern gewürdigt und dargestellt wird.
Eine Nation ist nicht einfach ein Ort, an dem wir uns gerade aufhalten. Sie ist auch eine Geschichte, von deren Erzählung wir ein Teil sind. Eine Gesellschaft ist mehr als eine Ansammlung von Menschen an einem bestimmten Ort. Sie hat auch eine zeitliche Dimension. Sie ist aus den feinen Fäden des kollektiven Gedächtnisses gewoben: in der Schule gelernt, in Institutionen verankert, in der Kunst und Literatur, in der Poesie und Musik eines Landes reflektiert. Verliert eine Nation diese Stränge, leidet sie bald unter dem kollektiven Äquivalent der Alzheimer-Krankheit.
Heute stehen wir vor neuen Gefechten, die sich radikal von denen der Vergangenheit unterscheiden. Da ist der Kampf gegen den Terror und die Prediger des Hasses. Da ist der ständige Kampf um Stabilität in Teilen der Welt, die von ethnischen und religiösen Rivalitäten zerrissen sind. Da ist der Kampf gegen vermeidbare Krankheiten, die täglich 30.000 Kindern das Leben kosten. Da ist der Kampf gegen die Umweltzerstörung, die die Zukunft des Lebens auf der Erde selbst bedroht. Die Herausforderungen ändern sich, aber die Grundwerte und Tugenden müssen die gleichen bleiben: visionäres Denken, Mut, kollektiver Sinn, die Bereitschaft, für die Zukunft Opfer zu erbringen – und vor allem Geschichtsbewusstsein.
Die Freiheit, so sagte Moses am Ende seines Lebens, erfordert die aktive Pflege des Gedächtnisses. „Gedenke doch vergangener Tage, betrachte die längst vergangenen Generationen. Frag deinen Vater, und er wird es dir sagen, deine Ältesten, und sie werden es dir erklären“ (Deut. 32:7).
Wenn wir vergessen, wie mühsam die Freiheit erkämpft wurde, werden wir sie verlieren. Wenn wir sie für selbstverständlich hinnehmen, wird sie nicht fortbestehen. Um die Zukunft unserer Kinder zu gewährleisten, müssen wir der Vergangenheit unserer Vorfahren die Treue bewahren.
John McCrae, ein Arzt, der 1915 bei den kanadischen Streitkräften diente, sah die Verwüstungen des Krieges und kritzelte in sein Taschenbuch ein kurzes Gedicht, In Flanders Fields, das der Forderung der Toten an uns eine unsterbliche Stimme verlieh:
Aus sinkender Hand werfen wir Euch
Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.
Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben,
So werden wir nicht schlafen, wächst auch der Mohn
Auf Flanderns Feldern.