Macht oder Einfluss?

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Der Aufstand Korachs war ein unheiliges Bündnis von Einzelpersonen und Gruppen, geeint in ihrer Beschwerde über Moses’ Führung. Da war zunächst Korach selbst, ein Angehöriger des Stammes Levi, der – so Raschi – verärgert war, dass ihm keine bedeutendere Rolle übertragen worden war. Dann waren da die Rubeniter Datan und Awiram, die es übelnahmen, dass die wichtigsten Führungspositionen von Leviten und nicht von Angehörigen ihres eigenen Stammes eingenommen wurden. Ruben war Jakobs Erstgeborener, und einige seiner Nachkommen meinten daher, ihnen hätte der Vorrang eingeräumt werden müssen. Schließlich gab es noch die zweihundertfünfzig „Führer der Gemeinde, Berufene der Versammlung, Männer von Ansehen“, die sich – nach Ibn Esra –benachteiligt fühlten, weil nach der Sünde des Goldenen Kalbs die Führung von den Erstgeborenen auf einen einzigen Stamm, die Leviten, übergegangen war. Plus ça change, plus c’est la même chose – je mehr sich ändert, desto mehr bleibt alles beim Alten. Die Geschichte Korachs ist eine nur allzu vertraute Erzählung von enttäuschtem Ehrgeiz und kleinlicher Eifersucht – das, was die Weisen einen „Streit nicht um des Himmels willen“ nannten.

Das Außergewöhnlichste an dieser Episode ist jedoch Moses’ Reaktion. Zum ersten und einzigen Mal ruft er ein Wunder herbei, um die Legitimität seiner göttlichen Mission unter Beweis zu stellen:

„Da sagte Moses: ‚Daran werdet ihr erkennen, dass Gott mich gesandt hat, um all diese Taten zu vollbringen und dass es nicht meine eigene Idee war. Wenn all diese Männer sterben wie andere auch und das gleiche Schicksal wie die gesamte Menschheit erleiden, dann hat Gott mich nicht gesandt. Wenn aber Gott etwas völlig Neues erschafft, sodass die Erde ihren Mund öffnet und sie samt allem, was ihnen gehört, verschlingt und sie lebendig in die Unterwelt hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass diese Männer Gott herausgefordert haben‘.

Num. 16:28–30

Im Grunde setzt Moses seine Macht ein, um die Opposition auszuschalten. Welch ein Gegensatz zu der Großzügigkeit, die er nur wenige Kapitel zuvor gezeigt hatte, als Josua ihm berichtete, dass Eldad und Medad im Lager prophezeiten – abseits von Moses und den siebzig Ältesten. Josua erkannte darin das Potenzial einer gefährlichen Bedrohung für Moses’ Führungsrolle und sagte: „Moses, mein Herr, halte sie zurück!“ Moses’ Antwort gehört zu den erhabensten im gesamten Tanach:

„Bist du um meinetwillen eifersüchtig? Wäre doch das ganze Volk Gottes Propheten, und gäbe Gott doch Seinen Geist auf sie!“ 

Num. 11:29

Worin bestand der Unterschied zwischen Eldad und Medad einerseits und Korach und seinen Mitverschwörern andererseits? Was ist der Unterschied zwischen Moses’ Aussage „Wäre doch das ganze Volk Gottes Propheten“ und Korachs Behauptung „Die ganze Gemeinde ist heilig, jeder Einzelne von ihnen, und Gott ist in ihrer Mitte. Warum erhebt ihr euch dann über das Volk Gottes“? Warum war die erste Empfindung gerechtfertigt, die zweite jedoch nicht?

Ist Moses hier einfach inkonsequent? Wohl kaum. Kein religiöser Führer vor oder nach ihm war so klarsichtig. Hier liegt eine Unterscheidung vor, die bis zum innersten Kern der beiden Erzählungen reicht. Die Weisen äußerten in einer ihrer tiefgründigsten methodologischen Beobachtungen die Ansicht, dass „die Worte der Tora an einer Stelle arm, an einer anderen aber reich sein können“. Damit meinten sie: Wenn wir eine rätselhafte Stelle verstehen wollen, müssen wir vielleicht an anderer Stelle in der Tora nach dem entscheidenden Hinweis suchen. Ein ähnlicher Gedanke kommt in der letzten der dreizehn Regeln Rabbi Ismaels zur biblischen Exegese zum Ausdruck:

„Wenn zwei Schriftstellen einander widersprechen, kann ihre Bedeutung erst bestimmt werden, wenn eine dritte Schriftstelle gefunden wird, die sie miteinander in Einklang bringt“

(Sifra, Baraita Derabbi Jischmael).

In diesem Fall findet sich die Antwort später im Buch Bamidbar, als Moses Gott darum bittet, den nächsten Anführer der Israeliten zu bestimmen. Gott sagt ihm, er solle Josua zu seinem Nachfolger ernennen:

„Da sprach Gott zu Moses: ‚Nimm Josua, den Sohn Nuns, einen Mann, in dem mein Geist wohnt, und lege deine Hand auf ihn. Lass ihn vor Eleasar, den Priester, und vor die ganze Gemeinde treten und weihe ihn vor ihren Augen. Übertrage einen Teil deiner Hoheit auf ihn, damit die ganze israelitische Gemeinde ihm gehorche‘“

Num. 27:18–20

Moses erhält den Auftrag, zusätzlich zur Vorstellung Josuas vor den Priestern und dem Volk zwei weitere Handlungen zu vollführen. Zunächst soll er Josua „die Hand auflegen“. Anschließend soll er ihm „etwas von [seinem] Glanz“ geben. Welche Bedeutung haben diese beiden Gesten? Worin unterscheiden sie sich voneinander? Welche von ihnen galt als Josuas Amtseinführung? Die Weisen fügten im Midrasch Raba einen Kommentar hinzu, der auf den ersten Blick das Geheimnis nur noch vertieft:

„‚Lege deine Hand auf ihn‘ – das ist, als würde man ein Licht an einem anderen entzünden. ‚Gib ihm etwas von deinem Glanz‘ – das ist, als würde man von einem Gefäß in ein anderes gießen“ 

Bamidbar Raba 21:15

Gerade diese Aussage ermöglicht es uns jedoch, das Geheimnis zu entschlüsseln.

Es gibt zwei Formen oder Dimensionen von Führung: die eine ist Macht, die andere Einfluss. Oft verwechseln wir beide miteinander. Schließlich haben diejenigen, die Macht besitzen, häufig auch Einfluss, während diejenigen, die Einfluss haben, eine gewisse Art von Macht besitzen. In Wahrheit sind die beiden jedoch sehr verschieden – ja, sogar gegensätzlich.

Dies lässt sich durch ein einfaches Gedankenexperiment veranschaulichen. Man stelle sich vor, man besitze vollständige Macht und entscheide sich dann, sie mit neun anderen zu teilen. Nun hat man nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Macht. Stellt man sich dagegen vor, man besitzt ein gewisses Maß an Einfluss und teilt diesen mit neun anderen, wie viel bleibt einem dann? Nicht weniger. Tatsächlich sogar mehr. War man doch anfangs allein, nun ist man zu zehnt. Der Einfluss hat sich ausgeweitet. Macht wirkt durch Teilung, Einfluss durch Vervielfachung. Bei Macht gilt: Je mehr wir sie teilen, desto weniger haben wir. Bei Einfluss ist es genau umgekehrt: Je mehr wir ihn teilen, desto mehr haben wir.

Der Unterschied zwischen beiden ist so tiefgreifend, dass die Tora sie zwei verschiedenen Führungsrollen zuordnet: dem König und dem Propheten. Könige hatten Macht. Sie konnten Steuern erheben, Menschen zum Wehrdienst einziehen und über Krieg und Frieden entscheiden. Außerdem konnten sie außergerichtliche Strafen verhängen, um die gesellschaftliche Ordnung zu bewahren. Hobbes bezeichnete das Königtum bekanntlich als „Leviathan“ und definierte es im Sinne von Macht. Das Wesen des Gesellschaftsvertrags bestehe, so argumentierte er, gerade in der Übertragung von Macht von Einzelnen auf eine zentrale Autorität. Ohne dies könne es keine Regierung, keine Landesverteidigung und keinen Schutz vor Gesetzlosigkeit und Anarchie geben.

Propheten hingegen hatten keinerlei Macht. Sie befehligten keine Armeen. Sie erhoben keine Steuern. Sie sprachen das Wort Gottes, hatten aber keine Mittel, um es durchzusetzen. Alles, was sie hatten, war Einfluss – aber welch ein Einfluss! Bis heute vermag uns Elias Kampf gegen die Korruption, Amos’ Ruf nach sozialer Gerechtigkeit und Jesajas Vision vom Ende der Tage durch die reine Kraft ihrer Inspiration zu bewegen. Wer lässt sich heute noch vom Leben Ahabs, Joschafats oder Jehus inspirieren? Wenn ein König oder eine Königin stirbt, endet seine beziehungsweise ihre Macht. Wenn ein Prophet stirbt, beginnt sein Einfluss. Kehren wir zu Moses zurück: Hier hatten wir einen Mann, der nicht eine, sondern zwei Führungsrollen innehatte. Einerseits besaß Moses, obwohl das Königtum noch nicht existierte, Macht und war der funktionale Gegenpart eines Königs. Er führte die Israeliten aus Ägypten, befehligte sie im Kampf, setzte Führer, Richter und Älteste ein und lenkte das Verhalten des Volkes. Er hatte Macht.

Doch Moses war auch ein Prophet – der größte und einflussreichste von allen. Er war ein Mann der Vision. Er hörte und sprach das Wort Gottes. Sein Einfluss ist unermesslich. Wie Jean-Jacques Rousseau in einem nach seinem Tod entdeckten Manuskript schrieb:

„… ein erstaunliches und wahrhaft einzigartiges Schauspiel ist es, ein aus der Heimat vertriebenes Volk zu sehen, das seit nahezu zweitausend Jahren weder Ort noch Land besitzt … ein zerstreutes Volk, über die ganze Welt verstreut, das versklavt und verfolgt wird, von allen Nationen verachtet, und das dennoch seine Eigenart, seine Gesetze, seine Bräuche und seine patriotische Liebe zur ursprünglichen gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit bewahrt, selbst wenn alle Bande zu ihr zerrissen zu sein scheinen. Die Juden bieten uns ein erstaunliches Schauspiel: Die Gesetze des Numa, des Lykurg und des Solon sind tot, doch die sehr viel älteren Gesetze des Moses sind noch lebendig. Athen, Sparta und Rom sind untergegangen und haben keine Nachkommen hinterlassen; Zion hingegen, obwohl zerstört, hat seine Kinder nicht verloren.“

Rousseau, Cahiers de brouillons, notes et extraits, Nr. 7843, Neuchâtel

Nun ist das Geheimnis der doppelten Einsetzung Josuas durch Moses gelöst. Zunächst wurde Moses angewiesen, Josua seine prophetische Autorität zu übertragen. Die Formulierung, die die Tora verwendet – wesamachta et Jadecha, „lege deine Hand“ auf ihn – wird bis heute verwendet, um die rabbinische Ordination zu bezeichnen, die wir Semicha nennen, das heißt „das Auflegen der Hände“ durch den Meister auf den Schüler. Zweitens wurde ihm befohlen, Josua die Macht des Königtums zu verleihen, die die Tora als „Glanz“ bezeichnet – vielleicht wäre die Übersetzung „Majestät“ passender. Dass es sich bei dieser Rolle um die eines Staatsoberhauptes und Heerführers handelt, wird im Text ganz deutlich. Gott sagt zu Moses: „Gib ihm etwas von deiner Majestät, damit die ganze Gemeinde der Israeliten ihm gehorche … Auf seinen Befehl werden er und die ganze Gemeinde der Israeliten ausziehen, und auf seinen Befehl werden sie einkehren.“ Dies ist nicht die Sprache des Einflusses, sondern der Macht.

Nun ist auch die Bedeutung des Midrasch klar – und von eleganter Genauigkeit. Die Übertragung von Einfluss („Lege deine Hand auf ihn“) ist „wie das Entzünden eines Lichts an einem anderen“. Wenn wir eine Kerze nehmen, um eine andere anzuzünden, wird das Licht der ersten nicht geringer. Ebenso gilt: Wenn wir unseren Einfluss mit anderen teilen, haben wir danach nicht weniger als zuvor. Vielmehr nimmt die Gesamtsumme des Lichts zu. Macht hingegen ist anders. Sie ist wie „das Gießen von einem Gefäß in ein anderes“. Je mehr wir in das zweite Gefäß gießen, desto weniger bleibt im ersten zurück. Macht ist ein Nullsummenspiel. Je mehr wir davon abgeben, desto weniger haben wir.

Dies ist also die Lösung des Rätsels, warum Moses, als Josua fürchtete, dass Eldad und Medad, die „im Lager prophezeiten“, seine Autorität bedrohten, antwortete: „Wäre doch das ganze Volk Gottes Propheten.“ Josua hatte Einfluss mit Macht verwechselt. Weder strebten Eldad und Medad nach Macht, noch erlangten sie Macht. Stattdessen wurde ihnen für eine Zeit ein Anteil an dem prophetischen „Geist“ gegeben, der auf Moses ruhte. Sie hatten Anteil an seinem Einfluss. Das ist niemals eine Bedrohung für prophetische Autorität. Im Gegenteil: Je mehr Einfluss geteilt wird, desto mehr gibt es davon.

Macht war jedoch genau das, wonach Korach und seine Anhänger strebten – und im Fall von Macht stellt Rivalität eine Bedrohung der Autorität dar. „Es gibt einen Führer für eine Generation“, sagten die Weisen, „nicht zwei.“ Oder, wie sie es an anderer Stelle formulierten: „Können zwei Könige eine einzige Krone teilen?“ Es gibt viele Regierungsformen – Monarchie, Oligarchie und Demokratie –, doch ihnen allen ist die Konzentration von Macht in einem einzigen Organ gemein, sei es eine Person, eine Gruppe oder eine Institution wie ein Parlament. Ohne dieses Monopol auf den legitimen Einsatz von Zwangsgewalt gibt es so etwas wie Regierung nicht. Deshalb gilt im jüdischen Recht: „Ein König darf nicht auf die ihm gebührende Ehre verzichten.“

Moses’ Bitte, Korach und seine Anhänger mögen von der Erde verschlungen werden, entsprang weder Zorn noch Furcht. Sie war durch keinerlei persönliche Erwägungen motiviert. Sie beruhte schlicht auf der Einsicht, dass Prophetie geteilt werden kann, Königtum jedoch nicht. Gibt es innerhalb eines Bereichs zwei oder mehr miteinander konkurrierende Machtquellen, gibt es keine Führung. Wäre Moses nicht entschieden gegen Korach vorgegangen, hätte er das Amt, mit dem er betraut worden war, in verhängnisvoller Weise geschwächt.

Selten wird der Unterschied zwischen Einfluss und Macht so deutlich wie in diesen beiden Episoden: Eldad und Medad auf der einen Seite und Korach mit seinen Mitrebellen auf der anderen. Letztere stellten einen Konflikt dar, der gelöst werden musste. Nur einer konnte als Sieger hervorgehen, Moses oder Korach, ein Kompromiss war nicht möglich. Eldad und Medad hingegen stellten überhaupt keinen Konflikt dar. Wissen, Inspiration und Visionen sind Dinge, die ohne Verlust geteilt werden können. Wer sie mit anderen teilt, mehrt den geistigen Reichtum einer Gemeinschaft, ohne vom eigenen etwas einzubüßen.

Um Shakespeare frei zu paraphrasieren: „Der Einfluss, den wir haben, lebt nach uns weiter; unsere Macht wird oft mit unseren Gebeinen begraben.“ Ein großer Teil des Judentums ist ein ausgedehnter Essay über den Vorrang der Propheten vor den Königen, des Rechts vor der Macht, des Lehrens statt des Zwangs und des Einflusses anstelle der Macht. Nur während eines kleinen Bruchteils unserer Geschichte besaßen Juden Macht, doch zu allen Zeiten hatten sie Einfluss auf die westliche Zivilisation. Menschen kämpfen noch immer um Macht. Wenn wir doch nur erkennen würden, wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind! Es ist das eine, Menschen dazu zu zwingen, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten; etwas ganz anderes ist es, sie zu lehren, die Welt mit anderen Augen zu sehen, sodass sie aus eigenem Antrieb auf neue Weise handeln. Der Gebrauch von Macht setzt andere herab, die Ausübung von Einfluss macht sie größer. Das ist eine der zutiefst vermenschlichenden Wahrheiten des Judentums. Nicht alle von uns haben Macht, doch wir alle können etwas zum Guten bewegen.


[1]  Die erste Beschwerde, die Korach gegen Moses äußert, Numeri 16:3.


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  1. Denken Sie an die Person, die den größten Einfluss auf Sie hatte. Würden Sie sich als deren Schüler oder Schülerin bezeichnen?
  2. Können Sie in Worte fassen, auf welche Weise Moses Ihr Leben beeinflusst hat?
  3. Wie würden Sie die Welt zum Guten beeinflussen wollen? Und müssten Sie dafür Macht einsetzen?

With thanks to the Schimmel Family for their generous sponsorship of Covenant & Conversation, dedicated in loving memory of Harry (Chaim) Schimmel.

“I have loved the Torah of R’ Chaim Schimmel ever since I first encountered it. It strives to be not just about truth on the surface but also its connection to a deeper truth beneath. Together with Anna, his remarkable wife of 60 years, they built a life dedicated to love of family, community, and Torah. An extraordinary couple who have moved me beyond measure by the example of their lives.” — Rabbi Sacks