Gebet
„Wird einem Körper die Nahrung verweigert, so stirbt er. Wird einer Seele das Gebet vorenthalten, verkümmert sie und verwelkt.“
Eine klassische jüdische Geschichte: Ein gelehrter Rabbi und ein Taxifahrer verlassen diese Welt zur gleichen Zeit und gelangen gemeinsam an die Himmelspforte. Der Engel am Tor winkt den Taxifahrer heran, auf dass er eintrete. Dann wendet er sich an den Rabbiner und schüttelt traurig den Kopf. „Was soll das?“, fragt der Rabbi. „Ich bin ein gelehrter Rabbiner und er nur ein gewöhnlicher Taxifahrer, der, um offen zu sein, wie ein Verrückter gefahren ist.“ „Ganz genau“, antwortet der Engel. „Wenn du gepredigt hast, haben die Leute geschlafen. Aber wenn sie in sein Taxi gestiegen sind, glaub mir, da haben sie gebetet!“
Damit seien wir daran erinnert, dass das Gebet nicht immer berechenbar ist. Wir wissen nie im Voraus, wann uns das Bedürfnis überkommt, uns an Gott zu wenden. Warum also dann die Disziplin des täglichen Gebets?
Die Arbeit an einer neuen Ausgabe des jüdischen Gebetbuchs, des Siddur, hat mir noch stärker bewusst gemacht, wie kraftvoll das Gebet wirklich ist. Es ist, so sagte der Dichter Judah Halevi im 11. Jahrhundert, für die Seele das, was die Nahrung für den Körper ist. Wird einem Körper die Nahrung verweigert, so stirbt er. Wird einer Seele das Gebet vorenthalten, verkümmert sie und verwelkt. Und manchmal ist das Gebet umso wirkungsvoller, wenn es nicht in unseren eigenen Worten gesprochen wird, sondern in Worten, die aus der Vergangenheit unseres Volkes stammen, geheiligt durch die Zeit, in denen die Tränen und Hoffnungen früherer Generationen mitschwingen, Worte, die ihnen Kraft verliehen und die sie an uns weitergegeben haben, damit wir von ihnen Gebrauch machen und sie in Ehren halten.
Ich erinnere mich, wie ich bei meinem Besuch von Auschwitz durch die Tore mit der schaurigen Aufschrift „Arbeit macht frei“ ging und die kalten Winde der Hölle spürte. Es war eine betäubende Erfahrung. Es gab keine Worte, die ich hätte sagen können. Erst als ich einen der Blöcke betrat, in dem nichts weiter war außer einer alten Tonbandaufnahme des jüdischen Totengebets, brach ich zusammen und weinte. In diesem Moment erkannte ich, dass das Gebet unserer Trauer Ausdruck verleiht. Es gibt uns die Worte, wenn es keine Worte gibt. Es schafft einen geheiligten Raum für die Tränen, die sonst nirgendwo hinfließen würden.
Ich erinnere mich an meinen Vater, einen Juden einfachen Glaubens. In seinen Achtzigern musste er sich fünf schwierigen Operationen unterziehen, die ihn immer schwächer werden ließen. Die wichtigsten Dinge, die er mit ins Krankenhaus nahm, waren seine Tefillin (die ledernen Kapseln mit Riemen, die jüdische Männer beim wochentäglichen Morgengebet tragen), sein Gebetbuch und ein Buch der Psalmen. Ich beobachtete ihn beim Rezitieren der Psalmen und sah, wie er dabei an Kraft gewann. Er war in den Armen Gottes geborgen: Das war alles, was er wusste und was ihm zu wissen wichtig war. Erst als er zu uns, seinen Söhnen, sagte: „Betet für mich“, wussten wir, dass sein Ende nahe war. Für ihn war das Gebet das Leben, und das Leben eine Form des Gebets.
Das Gebet verändert die Welt, weil es uns verändert. Es öffnet uns die Augen für das schlichte Wunder der Existenz. Gibt es in der wissenschaftlichen Literatur irgendetwas, das dem Psalm 104 als Lobgesang auf die geordnete Komplexität des Universums gleichkommt? Da gibt es etwas im menschlichen Geist, das, so sehr er die Gesetze der Physik und der Biochemie auch verstehen mag, nicht nur erklären, sondern auch feiern will; nicht nur verstehen, sondern auch singen will.
Das Gebet lehrt uns, zu danken und uns über das zu freuen, was wir haben, anstatt uns ewig von dem treiben zu lassen, was wir noch nicht haben. Das Gebet ist ein fortlaufendes Seminar dessen, was Daniel Goleman emotionale Intelligenz nennt. Es sensibilisiert uns für die Welt jenseits des eigenen Egos: für die wirkliche Welt, nicht für jene, die von unseren Methoden und Wünschen bestimmt wird.
Das tägliche Gebet wirkt auf uns in einer Weise, die nicht unmittelbar erkennbar ist. Wie das Meer den Stein glättet, wie die wiederholten Hammerschläge des Bildhauers den Marmor formen, so schleift das Gebet – wiederholt, zyklisch, dem Rhythmus der Zeit folgend – allmählich die scharfen Kanten unseres Charakters ab, verwandelt ihn in ein Werk hingebungsvoller Kunst und bringt ihn mit den moralischen Energien des Universums in Einklang.
Das Gebet ist keine Magie. Es will die Welt nicht unserem Willen beugen; wenn überhaupt, bewirkt es das Gegenteil. Es hilft uns, die Dinge zu erkennen, die wir sonst für selbstverständlich halten. Es erlöst uns aus unserer Einsamkeit. Es gibt uns eine Sprache der Sehnsucht, ein Vokabular der Ideale. Und indem wir die Dinge anders sehen, fangen wir an, anders zu handeln. Die Welt, die wir morgen errichten, wird in den Gebeten geboren, die wir heute sprechen.