Die Verletzlichkeit der Natur

On Succot and the Fragility of Nature

27. September 2012
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Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 28th September 2012

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„Wir benötigen nicht nur Wissen, sondern auch Weisheit, deren wichtigster Bestandteil das Verständnis ist, dass wir Hüter eines Universums sind, das wir leicht gefährden können und das wir uns immer noch nicht ganz erklären können.“

Für Juden ist jetzt die festliche Jahreszeit in vollem Gange. Gerade haben wir das Neujahrsfest und den Versöhnungstag begangen, und nächste Woche feiern wir Sukkot, zu Deutsch auch als Laubhüttenfest bekannt. In Großbritannien ist es nicht so einfach, Sukkot zu erklären, besonders nicht in diesem Jahr. Ist es doch ein Fest, bei dem wir um Regen beten, davon aber hatten wir hierzulande schon viel zu viel. Man denke nur an die schweren Regenfälle, die in York, Liverpool und Wales immer noch Schäden anrichten. Doch im Heiligen Land, dem Schauplatz der Bibel, war und ist Regen die kostbarste aller Ressourcen, und fällt er aus, herrschen Dürre und Hungersnot.

So nehmen wir an Sukkot vier Dinge in die Hand, für deren Wachstum es des Regens bedarf: einen Palmenzweig, eine Zitronatzitrone sowie Zweige von Weide und Myrte. Während wir sie in der Hand halten, danken wir Gott für den Regen und beten, dass es im Heiligen Land im kommenden Jahr wieder regnen möge – auch wenn wir selbst in einer der feuchtesten Klimazonen leben. Sukkot ist, könnte man sagen, ein Fest über die Verletzlichkeit der Natur als gastfreundlicher Lebensraum für den Menschen.

Wissenschaft und Religion sprechen über die Natur auf sehr unterschiedliche Weise. Die Wissenschaft erklärt, und die Religion zelebriert. Die Wissenschaft spricht, während die Religion singt. Die Wissenschaft ist Prosa, die Religion Poesie, und wir brauchen sie beide.

Die Wissenschaft inspiriert immer wieder aufs Neue durch die Art und Weise, in der sie die Komplexität der Natur und die Kraft des menschlichen Geistes offenbart. Selten galt das mehr als zu Beginn dieses Jahres, als die Existenz des Higgs-Bosons mit nahezu sicherer Gewissheit bestätigt wurde – jenes Teilchens, das jemand mit Sinn für Humor „das Gottesteilchen“ nannte, weil es zwar überall existiert, aber so schwer zu finden ist.

Doch die Wissenschaft verleitet uns manchmal dazu, zu glauben, dass wir die Dinge in der Hand haben. Deshalb brauchen wir Momente wie Sukkot, um unseren Sinn für Demut wiederherzustellen. Wir sind so klein in einem so gewaltigen Universum, und unsere Existenz hängt von einem außerordentlich empfindlichen Gleichgewicht zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ ab, dessen Symbol der Regen ist. Zu viel Regen bedeutet Überschwemmung. Zu wenig, und es herrscht Dürre.

Wir benötigen also nicht nur Wissen, sondern auch Weisheit, deren wichtigster Bestandteil das Verständnis ist, dass wir Hüter eines Universums sind, das wir leicht gefährden können und das wir uns immer noch nicht ganz erklären können. Vielleicht ist es ja gar nicht so abwegig, einmal im Jahr den Blick zum Himmel zu heben, so wie wir es tun, wenn wir um Regen bitten, und uns zu vergegenwärtigen, wie sehr wir von Dingen abhängig sind, die jenseits unserer Kontrolle liegen. Je mehr Wissen und Macht uns die Wissenschaft verleiht, desto mehr Demut benötigen wir.