Die Liebe zum Leben

20. Juni 2019
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Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 20th June 2019

Lesen auf

„Das Buch der Psalmen spricht von denen, die das Leben lieben. Ich denke, das ist es, was große religiöse Führer, hervorragende Künstler und Wissenschaftler und brillante Kommunikatoren
gemein haben.“

In der Zeitung war diese Woche eine faszinierende Tagebuchaufzeichnung von Sir David Attenborough und seinem Kollegen, dem Naturforscher Desmond Morris, zu lesen – beide in den Neunzigern und immer noch sehr aktiv. Sie tauschten sich über ihre Gesundheit aus. Morris fragte Sir David: „Haben Sie jemals Sport getrieben?“ Die Antwort lautete: „Nein.“ „Sind Sie jemals in einem Fitnessstudio gewesen?“ „Nein.“ „Haben Sie jemals eine Diät gemacht?“ Wiederum: „Nein.“ „Ich auch nicht“, sagte Morris. „Vielleicht liegt darin das Geheimnis.“

Wohl eher nicht, aber es ist dennoch interessant zu fragen, was denn der eigentliche Grund ist. Ich denke, dass wir nicht nur körperliche, sondern auch geistige, spirituelle und moralische Wesen sind. Wir haben nicht nur einen Körper, sondern auch einen Geist und das, was wir einst Seele nannten. Auch Geist und Seele haben ihre eigene Form von Ernährung und Bewegung: Forschen, Untersuchen, Denken und Kommunizieren. Das ist es, was diejenigen, die diese Dinge tun, jung hält.

Der Sozialwissenschaftler David Galenson hat ein Buch mit dem Titel Old Masters and Young Geniuses[1] [Alte Meister und junge Genies] veröffentlicht, in dem es darum geht, warum manche Künstler – wie der Regisseur Orson Welles oder der Komponist Felix Mendelssohn – ihre besten Arbeiten in jungen Jahren vollbringen, während andere – wie Cézanne, Monet und Verdi – dies erst im Alter tun

Er vertrat die Ansicht, dass die jungen Genies mit einer voll ausgebildeten Vision angetreten waren, die sie dann in ihre Arbeit umsetzten. Diese Vision war so gut wie von Anfang an vorhanden, weshalb ihre frühen Werke auch solchen Einfluss hatten. Wohingegen die alten Meister einfach weiter lernten und experimentierten und so immer besser wurden. Das war sozusagen ihr Training im Fitnessstudio.

Die Bibel sagt von Moses, dass im Alter von 120 Jahren „sein Auge ungetrübt und seine natürliche Kraft ungebrochen war“ (Deut. 34:7). Ich dachte immer, dass es sich dabei nur um zwei Beschreibungen handelte, doch schließlich wurde mir klar, dass die erste die Erklärung für die zweite war: Seine Energie blieb ungebrochen, weil sein Auge ungetrübt war, weil er nie die Ideale seiner Jugend oder seine Leidenschaft für Gerechtigkeit verloren hatte. Er blieb jung, weil er trotz seiner vielen Rückschläge nie der Desillusionierung oder Verzweiflung erlag.

Das Buch der Psalmen spricht von denen, die das Leben lieben. Ich denke, das ist es, was große religiöse Führer, hervorragende Künstler und Wissenschaftler und brillante Kommunikatoren wie Desmond Morris und Sir David Attenborough gemein haben: Sie lieben das Leben und bereichern das Leben anderer. Und manchmal kann das genauso gut wie eine Diät oder ein Fitnesstraining sein, um sich jung zu halten.


[1] David Galenson, Old Masters and Young Geniuses: The Two Life Cycles of Artistic Creativity (Princeton, Princeton University Press, 2008). vollbringen, während andere – wie Cézanne, Monet und Verdi – dies erst im Alter tun.