Vogelgesang
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 11th March 2014
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„Ich glaube, dass uns etwas Wesentliches entgeht, wenn wir Darwins Selektionstheorie für mehr als ein biologisches Gesetz halten und sie zu einer Metapher für das Leben selbst erklären.“
Inmitten der düsteren Nachrichten von gestern fiel mir ein Artikel ins Auge. Die Überschrift lautete: „Darwin lag bei Vögeln und Bienen falsch.“ Und es ging dabei um Vogelgesang.
Vor anderthalb Jahrhunderten behauptete Darwin, dass es beim Vogelgesang allein um sexuelle Selektion gehe. Die Männchen sangen in der Hoffnung, dass die Weibchen, wenn sie das ornithologische Äquivalent von Justin Bieber hörten, in Ohnmacht fallen würden, so dass die klangvollsten Männchen eine bessere Aussicht hatten, ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben.
Nun stellt sich aber heraus, dass dem doch nicht ganz so ist, denn Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass die Vogelweibchen fast genauso viel singen wie die Männchen, und dass dies weniger mit sexueller Selektion zu tun hat als damit, einfach zu sagen: „Ich bin hier.“
Der Grund, warum die Geschichte meine Aufmerksamkeit erregte, war, dass ich nach meinem Ausscheiden aus dem Amt des Chief Rabbi im letzten Sommer zu meiner ersten Leidenschaft, dem Unterrichten, zurückgekehrt bin. Dies habe ich gerade sechs Wochen lang in New York getan. Das bedeutete, dass ich den britischen Regen verpasst habe und mich stattdessen tief im Schnee des kältesten New Yorker Winters seit Menschengedenken wiederfand.
Selten hat sich meine Heimkehr so magisch angefühlt, als ich von den ersten Vorboten des Frühlings begrüßt wurde: Krokusse im Gras, Blüten an den Bäumen und vor allem der Chor der Morgendämmerung, den ich von meinem Schlafzimmerfenster aus hören konnte. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich den Gesang der Vögel vermisst hatte, etwas, das man in der New Yorker Innenstadt über den hupenden Taxis, den rasenden Autos und dem schieren Tempo und Stress des Lebens nicht hören kann. Und plötzlich kam es mir wie eine Offenbarung vor, wie all die Psalmen, in denen davon die Rede ist, dass die Schöpfung dem Schöpfer ein Lied singt, und dann diese wunderbare Schlusszeile des letzten aller Psalmen: „Alles, was atmet, preise Gott“ (Psalm 150:6).
Ich glaube, dass uns etwas Wesentliches entgeht, wenn wir Darwins Selektionstheorie für mehr als ein biologisches Gesetz halten und sie zu einer Metapher für das Leben selbst erklären, als ginge es nur um den Sieg und den Kampf ums Überleben, so dass Liebe und Schönheit und sogar der Gesang der Vögel ihrer Unschuld beraubt und auf genetische Instinkte und Triebe reduziert werden.
William Wordsworth hatte sicher recht, als er über die Kraft der Schönheit der Natur sprach, die uns so erhebt, „dass weder böse Zungen, vorschnelles Urteil, noch der Spott des Egoisten … jemals vermögen, uns niederzuringen, unseren heiteren Glauben zu stören, und dass alles, was wir schauen, voll Segen ist“. Nicht alles ist verkehrt in einer Welt, in der Vögel aus Freude am Leben singen.