Terrorismus
„Der Terror scheitert und wird immer scheitern, weil er in uns einen tiefen Instinkt für das Leben wachruft.“
Als würden sie die Jubelszenen anlässlich der erfolgreichen Olympiabewerbung Londons verhöhnen wollen, hinterließen die terroristischen Explosionen vom Donnerstag eine Spur der Verwüstung. Heute werden wir in jeder Synagoge unsere Gebete mit jenen anderer verbinden, um die Toten trauern, für die Verletzten beten und mit den Trauernden unsere Tränen teilen.
Der Terror ist zur Geißel unserer Zeit geworden, und es wird unsere ganze innere Kraft erfordern, damit umzugehen. Ich habe viel zu viele Opfer des Terrors persönlich kennengelernt: Überlebende des Bombenanschlags auf die Synagoge in Istanbul im Jahr 2003, des Terroranschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994, in Israel, wo fast jeder einen Betroffenen kennt, sowie Überlebende der Massaker in Kambodscha, Bosnien, Ruanda und im Kosovo. Wie andere habe auch ich um die zerrütteten Familien, die zerstörten Leben und die vielleicht nie verheilenden physischen und psychischen Verletzungen geweint.
Aber ich habe auch über den Mut der Opfer geweint. Jedes Jahr gibt eine Gruppe von uns Konzerte für Menschen, die Opfer von Terroranschlägen geworden sind. So lernten wir auch einen elfjährigen Jungen kennen, der seine Mutter, seinen Vater und drei weitere Familienmitglieder bei einem Selbstmordattentat verloren hatte. Er selbst hatte sein Augenlicht verloren. Auf der Krankenstation sang er mit dem Chor ein ergreifend schönes religiöses Lied. Wir waren gekommen, um ihm Kraft zu spenden. Stattdessen hat er uns Kraft gegeben.
Der Terror scheitert und wird immer scheitern, weil er in uns einen tiefen Instinkt für das Leben wachruft. Werden wir jemals den Heldenmut der New Yorker Polizisten am 11. September, den Mut der Passagiere des Fluges 93 oder die Fürsorge von Fremden vergessen, die den traumatisierten Überlebenden Trost spendeten?
Der Terror gemahnt uns, wachsam zu sein und das zu verteidigen, was wir sonst für so selbstverständlich halten: die Unantastbarkeit des Lebens, den Stellenwert der Freiheit und die unzähligen natürlichen Einschränkungen, die es uns ermöglichen, in Sicherheit und Vertrauen zusammenzuleben.
Freie Gesellschaften sind immer stärker, als es ihren Feinden vorkommt. Die Feinde des Westens missverstehen seine Offenheit als Verwundbarkeit, seine Toleranz als Dekadenz, seinen Respekt für Unterschiede als einen Mangel an moralischer Überzeugung. Großbritannien hat außergewöhnlich starke Freundschaftsbande zwischen seinen verschiedenen Glaubens- und ethnischen Gemeinschaften. Das ist eine wichtige Quelle der Stabilität, wenn die Nerven blank liegen und Ängste geweckt werden. London selbst hat eine lange Geschichte der Courage. Auch das zeigte sich in der Ruhe, die am Donnerstag vorherrschte.
Die beste Reaktion auf Terror ist nicht Wut, sondern die stille Kraft, die es braucht, um weiterzumachen und nicht der Angst zu erliegen. Ich denke an Judea Pearl, den Vater des ermordeten amerikanischen Journalisten Daniel Pearl, der sich für ein besseres Verständnis zwischen dem Islam und dem Westen einsetzt. Als ich ihn fragte, was ihn motiviert, sagte er: „Hass hat meinen Sohn getötet, und man kann Hass nicht mit Hass überwinden.“
Ich denke an einen der vielversprechendsten jungen Männer, die unsere Gemeinschaft hervorgebracht hat, Yoni Jesner, der im Alter von 19 Jahren bei einem Selbstmordattentat in Tel Aviv getötet wurde. Seine Familie spendete aus tiefer religiöser Überzeugung seine Organe, um Leben zu retten – darunter auch das eines siebenjährigen palästinensischen Mädchens, das zwei Jahre auf eine Nierentransplantation gewartet hatte.
Michael Walser schrieb: „Terroristen sind wie Mörder auf einem Amoklauf, nur dass ihr Amoklauf nicht einfach ein Ausdruck der Wut oder des Wahnsinns ist; ihre Wut ist zielgerichtet und programmatisch.“
Die Opfer dieser Wut sind ganz absichtlich Unschuldige und Unbeteiligte: Büroangestellte, Zugreisende, Passanten. Ihr Ziel ist die Angst. Sie verschafft sich keinen Vorteil. Sie hat keinen erdenklichen Anspruch auf Gerechtigkeit. Sie entwürdigt jedes Anliegen, das sie zu vertreten vorgibt.
Wie man dem Terror wirklich entgegentritt, zeigte sich fünf Tage zuvor in London und anderswo. Millionen von Menschen gingen auf die Straßen und in die Parks, um ihre Solidarität mit den Opfern der Armut in Afrika zu bekunden. Ihre Methoden waren friedlich, ihre Waffen waren Gesang und Feiern, und ihre größte Stärke war die Rechtmäßigkeit ihrer Sache.
Die Menschen, denen sie ihre Verbundenheit bekundeten – die Abermillionen von Kindern, denen es an Nahrung, Unterkunft, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung, an Lebensunterhalt und Hoffnung fehlt –, haben nie zum Terror gegriffen, um die Welt auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Und das mussten sie auch nicht.
Die Wahl, vor der die Menschheit steht, wurde vor langer Zeit von Moses dargelegt: „Ich habe dir das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch vorgelegt. So wähle denn das Leben, auf dass du und deine Nachkommen fortleben“ (Deut. 30:19). Die kraftvollste Antwort auf die Mächte des Todes ist ein erneutes Bekenntnis zur Heiligkeit des Lebens.