Freie Rede

9. August 2013
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Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 9th August 2013

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„Freie Rede heißt nicht Rede, die nichts kostet. Sie bedeutet Redefreiheit, die wiederum die Freiheit und die Würde des anderen respektiert. Wenn wir dies vergessen, wird sich unsere Redefreiheit als sehr kostspielig erweisen.“

In diesem Sommer hat sich über soziale Netzwerke ein beunruhigendes Muster des Missbrauchs herauskristallisiert. So wurde unter anderem ein Professor für Klassische Philologie eingeschüchtert, und Frauen, die sich für das Porträt von Jane Austen auf Banknoten einsetzten, wurden bedroht. Am beunruhigendsten ist jedoch mit Abstand die Verbindung zwischen einer in Lettland betriebenen Website und den Selbstmorden von vier Kindern – zwei in Großbritannien und zwei in Irland. Viele halten diese Website deshalb für so gefährlich, weil sie es Menschen ermöglicht, anonym verletzende und hasserfüllte Kommentare zu veröffentlichen. Mehr als 60 Millionen junge Menschen nutzen die Website und verfassen täglich 30 Millionen Nachrichten. Somit werden einige von ihnen bösartig und einige ihrer Empfänger wiederum verletzbar sein.

Letztlich haben wir es hier mit einem neuen Kapitel in der ältesten Geschichte der Welt zu tun, der des Gebrauchs von Worten als Waffe durch Menschen, die anderen Schmerz zufügen wollen. Neu deshalb, weil in der Vergangenheit die meiste Kommunikation von Angesicht zu Angesicht erfolgte und in einem gewissen sozialen Kontext stattfand, in dem Eltern, Lehrer oder Freunde von den Vorgängen Kenntnis hatten und einschreiten konnten. Gelegentlich gab es auch anonyme Briefschreiber, aber zumindest verblieb der Schmerz, den sie verursachten, eher im Privaten und wurde nicht einer breiten Öffentlichkeit preisgegeben, wie es bei Nachrichten in sozialen Netzwerken oft der Fall ist. Indem sie es den Menschen ermöglichen, gesichtslos Drohungen von sich zu geben, Beleidigungen auszusprechen oder falsche Gerüchte zu verbreiten, bieten die neuen Websites den Dämonen in unserem Wesen ein Höchstmaß an Versuchung in Kombination mit einem Maximum an Möglichkeiten.

In der griechischen Mythologie wird vom Ring des Gyges erzählt, der seinen Träger unsichtbar macht, so dass dieser sich alles erlauben kann. Indem das Internet den Menschen erlaubt, sich hinter einer Maske der Unsichtbarkeit zu verbergen, kommt es dem Ring des Gyges ziemlich nahe. Selbst die Serviceanbieter können in der Regel entkommen, indem sie ihren Standort außerhalb der Reichweite entsprechender Regulierungen verlegen.

Die Technologie ist neu, aber die moralische Herausforderung ist es nicht. Die jüdischen Weisen sprachen beredt über die Gefahren dessen, was sie „üble Nachrede“ nannten, womit sie abwertende, erniedrigende oder beleidigende Worte meinten. Sie nannten dies eine Kardinalsünde und sagten, dass sie drei Menschen zerstört: denjenigen, der sie von sich gibt, denjenigen, gegen den sie sich richtet, und denjenigen, der zuhört. Worte verletzen; sie tun weh; sie verwunden. Und jede neue Technologie, die es uns ermöglicht, Worte in größerem Umfang zu verbreiten, erfordert ein erneutes Beharren auf der Ethik der Kommunikation. Freie Rede heißt nicht Rede, die nichts kostet. Sie bedeutet Redefreiheit, die wiederum die Freiheit und die Würde des anderen respektiert. Wenn wir dies vergessen, wird sich unsere Redefreiheit als sehr kostspielig erweisen.