La religion et la science
„Das Judentum erkennt zwei verschiedene Quellen des Wissens an: Weisheit und Tora, die Ergebnisse der Vernunft beziehungsweise der Offenbarung.“
1993 erhielt ich die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge, gemeinsam mit James Watson, der zusammen mit Francis Crick die DNA entdeckte. Diese Begegnung gab mir die Gelegenheit, den Segensspruch zu sprechen, den unsere Weisen vor 2000 Jahren verfasst haben und der noch immer in allen jüdischen Gebetsbüchern zu finden ist, um Gott für das Geschenk seiner Weisheit an die Menschen zu danken.
Im Grunde handelt es sich um einen Segensspruch, der beim Anblick eines großen Wissenschaftlers gesprochen wird. Den Begriff scientist [Wissenschaftler] gibt es im Englischen allerdings erst seit 1833. Welch ein Unterschied zwischen dem ersten Jahrhundert und der Welt von heute, in der es oft scheint, dass zwischen Religion und Wissenschaft im schlimmsten Fall Feindschaft, bestenfalls aber Entfremdung herrscht. Und doch sollte es nicht so sein.
Unsere rabbinischen Weisen hatten allen Grund, die Wissenschaft zu fürchten. War sie doch zu ihrer Zeit das Metier der Griechen, und der Unterschied zwischen den beiden Kulturen war so groß, dass die Juden einen Krieg – im Grunde einen Kulturkrieg – gegen den Hellenismus führten. Der Name des griechisches Denkers Epikur, der mehr als jeder andere die Atomwissenschaft erahnte, war für die Juden ein Synonym für Ketzer.
Doch die Rabbiner erkannten Weisheit, wo immer sie ihnen begegnete, und wussten sie zu schätzen, auch wenn sie der einen oder anderen Schlussfolgerung nicht zustimmten. Sie taten dies aus drei Gründen. Zum einen, weil sie ein Beleg dafür war, dass Gott den Menschen tatsächlich „in Seinem Gleichnis, nach Seinem Ebenbilde“ (Gen. 1:27) geschaffen hatte; nach jüdischer Tradition ausgestattet „mit der Fähigkeit zu verstehen und zu erkennen“. Intellekt, Einsicht, die Fähigkeit, Hypothesen aufzustellen und zu prüfen: all das ist gottgegeben und Grund zu danken.
Zweitens kann die wissenschaftliche Methode auch auf die Religion angewendet werden. Der Talmud berichtet von einem Rabbi namens Schimon Ha’amsoni, der ein Leben lang biblische Texte unter Anwendung bestimmter Prinzipien der Exegese gelesen hatte. Einmal stieß er auf einen Vers, der, so er ihn nach seinen eigenen Regeln auslegen würde, zu einem unzulässigen Ergebnis geführt hätte. Daraufhin erklärte er seine Prinzipien für unhaltbar und gab somit sein gesamtes Lebenswerk auf. Seine Studenten waren fassungslos. Sie fragten ihn: „Bist du wirklich bereit, alles, was du gelehrt hast, wegen eines einzigen Gegenbeispiels aufzugeben?“ Lächelnd erwiderte er: „So wie ich einen [göttlichen] Lohn für die Auslegung erhalten habe, so werde ich auch einen Lohn für meine Revision erhalten.“ Dies ist im Grunde, viele Jahrhunderte zuvor, eine Vorwegnahme von Karl Poppers Darlegung der wissenschaftlichen Methode. Religion mag zwar keine Wissenschaft sein, aber sie kann die gleichen Regeln der Logik zur Anwendung bringen.
Drittens legt die Wissenschaft, ungeachtet der aus ihr gezogenen Schlussfolgerungen, ein verblüffendes Zeugnis über die gesetzmäßige Ordnung des Universums und die Schönheit und Komplexität der Schöpfung ab. Dessen waren sich die Weisen schon vor langer Zeit bewusst, und heute ist es umso deutlicher erkennbar. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich bei der Lektüre einer neuen wissenschaftlichen Entdeckung das Gefühl hatte, sagen zu müssen: „Wie zahlreich sind deine Werke, o Gott! Du hast sie alle in Weisheit erschaffen“ (Psalm 104:24).
Die Rabbiner waren davon so überzeugt, dass sie über diejenigen, die zwar fähig waren, Astronomie zu studieren, dies aber unterließen, sagten, sie seien die Menschen, die der Prophet Jesaja meinte, als er sagte: „Sie haben keine Achtung vor den Taten Gottes, keinen Respekt vor dem Werk seiner Hände“ (Jesaja 5:12).
Eine Stelle im Talmud ist bezeichnend für den rabbinischen Ansatz. Darin geht es um die Frage: „Wohin geht die Sonne in der Nacht?“ Die Weisen geben ihre Erklärung ab. Dann geben sie die griechische Darstellung, die von Ptolemäus, wieder. Und sie kommen zu dem Schluss, dass die griechische Erklärung plausibler ist als die jüdische. Ende der Diskussion. Sie haben recht, wir lagen falsch. Das ist für mich ein Musterbeispiel intellektueller Integrität.
Ich habe bereits erwähnt, dass im jüdischen Segen über einen großen Wissenschaftler das Wort „Weisheit“ gebraucht wird, und dies ist hier der Schlüsselbegriff. Das Judentum erkennt zwei verschiedene Quellen des Wissens an: Weisheit und Tora, die Ergebnisse der Vernunft beziehungsweise der Offenbarung. In der Bibel sind der Weisheit ganze Bücher gewidmet, genannt seien vor allem: Sprüche, Prediger und Hiob. Im Gegensatz zur Offenbarung ist Weisheit universell. Jeder kann sie erlangen, unabhängig von einer religiösen Überzeugung. Und ihre Spuren sind in allen Kulturen der Welt zu finden.
Vernunft und Offenbarung stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander, und das zeigt sich besonders deutlich in Prediger und Hiob, zwei der kritischsten Bücher, die jemals in einen Kanon heiliger Schriften aufgenommen wurden. Doch auch sie sind Teil des religiösen Lebens.
Also seien wir Gott auch weiterhin dankbar für herausragende Wissenschaftler. In der Religion geht es um offene Herzen, nicht um verschlossene Köpfe.