Verträge und Bündnisse
„Bei der Bündnispolitik geht es weniger um Regierungen als um ,Wir, das Volk‘ und unsere Verantwortung füreinander.“
Als wir am Dienstag Barack Obamas Antrittsrede mitverfolgten, war uns bewusst: Hier wird Geschichte geschrieben. Alle Voraussetzungen waren gegeben: der erste afroamerikanische Präsident in der Geschichte, das Krisengefühl, auf das er sich viermal bezog, die fast zwei Millionen Anwesenden, die sich vom Kapitol bis zum Washington Monument hinzogen, die Millionen und Abermillionen, die in der ganzen Welt zusahen.
Doch wie viele haben auch verstanden, was genau er mit seiner Rede zum Ausdruck brachte? Obama tat etwas für die britische politische Kultur fast Unverständliches, das jedoch für die der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung ist. Er erneuerte den Bund, und er war sich dessen vollkommen bewusst. Gelegentlich gebrauchen britische Politiker das Wort „Bund“. Aber in den Vereinigten Staaten ist es mehr als nur ein Wort: Es ist ihre eigentliche Bestimmung als „eine Nation unter Gott“. In einem tieferen Sinn, als wir es uns ohne Weiteres vorstellen können, versteht sich Amerika als eine Nation des Bundes.
Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Verträgen und Bündnissen. Zu einem Vertrag kommen zwei oder mehrere Personen, die jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen, zusammen, um einen Austausch zum gegenseitigen Vorteil zu vereinbaren. Bezahlen wir jemanden dafür, etwas für uns zu tun, schließen wir implizit oder ausdrücklich einen Vertrag mit ihm ab.
Ein Bund ist jedoch etwas anderes. In einem Bund vereinen sich zwei oder mehrere Personen, die die Würde und Integrität des jeweils anderen respektieren, in einem von gegenseitiger Verantwortung getragenen Bündnis, um gemeinsam das zu vollbringen, wozu keiner allein imstande wäre. Dabei geht es nicht um Interessen, sondern um Loyalität, Treue und um einen Zusammenhalt, wenn die Ereignisse die Bündnispartner auseinanderzutreiben scheinen. Ein Bund ist weniger ein Geschäft denn eine Ehe: Er ist ein moralisches Band.
Im 17. und 18. Jahrhundert, nach mehr als einem Jahrhundert tobender Religionskriege, beschäftigten sich die europäischen Denker intensiv mit der Frage, was eine Nation trotz aller Unterschiede zusammenhält. Dies führte zu einer Schlüsselidee, die von Hobbes, Locke und Rousseau mitgetragen wurde: zum Gesellschaftsvertrag als Grundlage des Staates.
Die Gründungsväter Amerikas waren indes von einer anderen Idee beseelt. Sie leiteten sie aus der Bibel ab: aus dem Moment am Berge Sinai, als sich die Israeliten durch einen heiligen Bund verpflichteten, eine Nation unter Gott zu werden – ein Satz, der Teil des amerikanischen Treuegelöbnisses wurde. Sie meinten nicht den Gesellschaftsvertrag, der einen Staat schafft, sondern den Bund, der eine Gesellschaft begründet.
Bei einem Gesellschaftsvertrag geht es um Macht, bei einem gesellschaftlichen Bündnis um kollektive Verantwortung. Ein Gesellschaftsvertrag befasst sich mit Regierungen und Gesetzen. In einem Gesellschaftsbund geht es um die gemeinsamen Ideale aller Bürger, auf die sich Barack Obama bezog, als er von dem „gottgegebenen Versprechen sprach, dass alle Menschen gleich sind, alle frei sind und alle eine Chance verdienen, ihr volles Maß an Glück anzustreben“.
Seit George Washington im Jahr 1789 hat so gut wie jeder amerikanische Präsident in seiner Antrittsrede den Bund erneuert, oft in biblischen Worten. Obamas Rede war ein Paradebeispiel dafür. Er verwies auf den Exodus, eine Reise durch die Wüste, die mit der Überquerung eines Meeres verbunden war: „Sie packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und überquerten die Ozeane.“ Da war der Bund selbst: „Unsere Gründungsväter … entwarfen eine Charta, um die Herrschaft des Rechts und die Rechte der Menschen zu gewährleisten.“
Da war die entscheidende Tugend eines Bundes, die Treue: „Wir, das Volk, sind den Idealen unserer Vorfahren und unseren Gründungsdokumenten treu geblieben.“ Zudem war da die für den Bund zentrale Idee einer Verpflichtung, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird: „Jener edle Gedanke, übermittelt von Generation zu Generation.“ Da war das Grundprinzip, dass Nationen nicht durch die Macht des Staates, sondern durch die Verantwortung und Hingabe ihrer Bürger gedeihen: „Letztlich sind es der Glaube und die Entschlossenheit des amerikanischen Volkes, auf die sich diese Nation stützt.“
Obamas Schlussworte muten geradezu biblisch an: „Unsere Kindeskinder sollen einst sagen können, … dass wir weder umgekehrt sind noch gewankt haben; sondern dass wir, den Horizont fest im Blick und mit der Gnade Gottes, das großartige Geschenk der Freiheit weitergetragen und sicher an künftige Generationen übergeben haben.“
Bei der Bündnispolitik geht es weniger um Regierungen als um „Wir, das Volk“ und unsere Verantwortung füreinander. Sie misst die Stärke einer Nation nicht an der Größe ihrer Armee oder ihrer Wirtschaft, sondern an der Bereitschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger, dem Ruf der „Pflichten gegenüber uns selbst, gegenüber unserer Nation und gegenüber der Welt“ zu folgen.
Barack Obama hat verstanden, dass die Politik der Hoffnung auf dem Boden des Bundes errichtet wird. Niemals zuvor benötigte die Zukunft der Freiheit dies so sehr.