Naturkatastrophen
„Das Paradoxe an der Conditio humana ist, dass selbstbezogene Gene bemerkenswert selbstlose Menschen hervorbringen.“
Zuerst war da der Tsunami. Dann der Wirbelsturm Katrina. Jetzt hat das Erdbeben in Kaschmir Zehntausende von Menschenleben gefordert. Unsere Gebete gelten den Betroffenen und Leidtragenden, den Verletzten und Hinterbliebenen, all jenen, deren Welt erschüttert und zerstört wurde.
Die Reaktion in jedem dieser Fälle hat uns das wahre Gesicht menschlicher Fürsorge gezeigt. Wir haben entdeckt, dass uns der Anblick von Leid immer noch bewegt, wie fern es auch sein mag. Gelder, Nahrungsmittel, medizinische Einsatzkräfte und Hilfsmittel sind zu den Orten der Katastrophe geeilt. Es hat kaum Anzeichen für eine „Mitleidsmüdigkeit“ gegeben. Wir weinen. Wir handeln. Wir tun, was wir können, um eine helfende Hand auszustrecken. Das Paradoxe an der Conditio humana ist, dass selbstbezogene Gene bemerkenswert selbstlose Menschen hervorbringen. Das ist in schweren Zeiten ein nicht geringer Trost. Doch deutet eine Reihe von so kurz aufeinanderfolgenden Tragödien möglicherweise auf mehr hin?
In früheren Zeiten glaubte man das. In Julius Cäsar lässt Shakespeare seinen Casca von Zeiten sprechen, in denen „diese Wunderzeichen so viel zusammentreffen“, dass sie „Dinge schlimmer Deutung sind dem Himmelsstrich, auf welchen sie sich richten“.
Eine Abfolge von unnatürlichen Ereignissen wurde als Omen, als Zeichen, als Warnung gedeutet: Waren die Naturgewalten in Aufruhr, so waren die Götter erzürnt. Die Propheten des alten Israel unterschieden sich von den Orakeln des antiken Griechenlands, doch auch sie sahen einen Sinn in der Geschichte. Katastrophen waren ein Ruf des Himmels, eine Aufforderung zur Buße. Ist uns diese Denkweise heute noch zugänglich?
Die Vorstellung, dass eine Naturkatastrophe eine göttliche Strafe ist, ist für mich moralisch inakzeptabel. Wir sind keine Propheten. Wir haben keinen exklusiven Einblick in die Gedanken Gottes. Wir wissen, dass zu den Opfern dieser Katastrophen Kinder, Unschuldige, Alte, Gebrechliche und Arme gehören. Dies sind nicht die Bösen, Grausamen oder Korrupten.
In den letzten Jahren habe ich viel zu viele religiöse Führer aus allen abrahamitischen Religionen gehört, die voller Überzeugung verkündeten, dass dieses oder jenes Ereignis die göttliche Vergeltung für die eine oder andere Sünde sei. Dies sind die HiobTröster unserer Zeit. Sie vergessen, dass es die Aufgabe des Propheten ist, die Leidenden zu trösten, und nicht, ihr Leid noch zu vergrößern, indem sie sagen, sie hätten ihr Schicksal verdient.
Mich bewegt jedoch die Geschichte von Elia, der Gott nicht im Wirbelwind, im Erdbeben oder im Feuer begegnete, sondern in der leisen, sanften Stimme, die ihm folgte. Nicht in dem Ereignis selbst, sondern in seinen Nachwirkungen hören wir Gottes Wort. So scheint es mir jetzt. Wenn alle Arbeiten zur Rettung und zum Wiederaufbau abgeschlossen sind, wird ein leiser Ruf verbleiben.
Diese erschreckenden Ereignisse haben uns gezeigt, wie klein wir im Großen und Ganzen doch eigentlich sind. Wir haben entdeckt, dass wir trotz unserer Unterschiede – kultureller, politischer und religiöser Art – vieles gemeinsam haben. Wir alle brauchen Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Sicherheit. Ein Erdbeben, eine Flutwelle, ein Wirbelsturm machen keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, Gläubigen und Ungläubigen, Gerechten und Noch-nicht-Gerechten. Die Sprache der Tränen ist universell. Sie bedarf keines Übersetzers. Genau das ist es, was uns das Gefühl gibt, an der Tragödie eines anderen Menschen teilzuhaben. Unter unserer verschiedenartigen kulturellen Kleidung sind wir eine einzige Familie, die durch einen Bund menschlicher Solidarität verbunden ist.
Warum wenden wir dann so viel Energie für ethnische Konflikte, Krieg und Terror auf? Warum erschöpfen wir so gedankenlos die Ressourcen der Erde, verschmutzen ihre Atmosphäre, bedrohen ihre Artenvielfalt? Warum haben wir zugelassen, dass einige so unvorstellbar reich werden, während Millionen hungern und sterben? All diese Probleme stammen aus einer Welt mit engem Horizont, wo es nur um mich und das Hier und Jetzt geht. Wenn Naturkatastrophen einen Segen haben, dann ist es ihre Fähigkeit, uns für einen Moment unsere persönliche Komfortzone vergessen zu lassen und uns in die Notlage anderer hineinzuversetzen – Menschen, die so anders, so weit weg sind und uns doch so ähnlich.
Es gibt Zeiten, in denen es scheint, als hätte sich unser moralisch-geistiger Zustand in das Zeitalter der Stammeskriege im Namen Gottes zurückentwickelt, damals unehrenhaft, heute unentschuldbar. Wenn uns diese schreckliche Serie von Katastrophen zur Besinnung bringt und uns an unsere Verwundbarkeit gegenüber der Natur, an unsere Kleinheit gegenüber dem Universum, an unsere Solidarität inmitten des Leids und an unseren Anteil am kollektiven Schicksal der Menschheit erinnert, können wir dem Fluch noch einen Segen abringen. In der Stille nach den Beben, die unsere Welt erschüttert haben, können wir noch die leise, sanfte Stimme der Hoffnung vernehmen.