Ehe

10. Juni 2000
Rabbi Jonathan Sacks and Elaine Sacks on their wedding day in 1970.

Published in The Times, 10th June 2000

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„…wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass ich alles, was ich getan habe, nicht hätte allein tun können, und ich bemühe mich, dies so oft wie möglich zu sagen.“


Elaine und ich haben jung geheiratet. Sie war 21, ich 22. Damals ahnten wir noch nicht, was uns das Leben bringen würde. Wie ein jiddisches Sprichwort besagt: Das Einzige, was Gott zum Lachen bringt, sind unsere Zukunftspläne.

Ich besuchte die Universität, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dann wechselte ich zur Philosophie. Eine Zeit lang spielte ich mit dem Gedanken, Anwalt zu werden. Nach einer kurzen Zeit, in der ich mich näher mit dem Feld bekannt gemacht hatte, kam ich jedoch zu dem Schluss, dass der Beruf des Rechtsanwalts doch eher etwas für Menschen höheren Geistes als den meinen ist. Es dauerte mehrere Jahre, bis ich schließlich der inneren Stimme folgte, die mich zum Rabbinat rief. In diesen Jahren war Elaine – eine Radiologin – die Ernährerin und ich der (nicht sehr gute) Hausmann.

Unser Leben barg überraschende Wendungen, unerwartete Segnungen und Krisen. Aber wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass ich alles, was ich getan habe, nicht hätte allein tun können, und ich bemühe mich, dies so oft wie möglich zu sagen.

Ich glaube nicht, dass wir damit eine Ausnahme waren. Für die meisten von uns ist das Leben eben eine lange Reise ins Ungewisse. Selten wissen wir im Voraus, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt. Die einzige Gewissheit, die wir hatten, war, dass wir füreinander da sein würden, und das war uns genug. Mehr als genug. Wir wussten – und dieses Wissen ist es, was die Ehe doch ausmacht –, dass wir in der unausgesprochenen Gegenwart un­serer Liebe Stärke finden würden, komme, was wolle.

Das machte die schwersten Momente erträglich. Wenn man zurückblickt, erkennt man die Kraft dieses schmalen Bandes, mit dem sich zwei Menschen einander verschreiben und ihre Liebe in Loyalität und eine Quelle neuen Lebens verwandeln.

Wir Menschen haben einen hohen Preis dafür gezahlt, dass wir eines der Schlüsselwörter der hebräischen Bibel, Emuna, das gewöhnlich mit „Glaube“ übersetzt wird, missverstanden haben. Da die Bibel durch das Medium des Griechischen in die westliche Zivilisation gelangt ist und für die Griechen das Streben nach Wissen die höchste Berufung war, haben wir jahrhundertelang den Glauben als eine Art von Wissen betrachtet: intuitiv, vielleicht visionär, aber doch kognitiv. Nach dieser Sichtweise bedeutet Glauben, bestimmte Sachverhalte über die Welt zu erkennen oder zu glauben.

Das ist keinesfalls die jüdische Sichtweise. Emuna hat mit persönlicher Verbundenheit zu tun. Es ist das Bündnis, durch das sich zwei Menschen, die die Freiheit und Integrität des jeweils anderen respektieren, mit einem Treueeid verpflichten, zusammenzubleiben und das zu vollbringen, wozu einer allein nicht imstande wäre. Es bedeutet nicht „Glaube“, sondern „Treue“, die Verpflichtung, füreinander da zu sein, besonders in schweren Zeiten. In menschlicher Hinsicht ist das beste Beispiel hierfür die Ehe. Im religiösen Kontext ist es das, was wir einen Bund nennen, dessen klassisches Beispiel das Versprechen zwischen Gott und einem altertümlichen Volk, Israel, am Berge Sinai vor dreiunddreißig Jahrhunderten ist.

Der Glaube ist eine Ehe. Die Ehe ist ein Akt des Glaubens. So dachten jedenfalls die Propheten Israels. Noch heute rezitieren jüdische Männer, wenn sie den Riemen ihrer Phylakterien wie einen Ehering um ihren Finger binden, die schönen Worte Gottes, wie sie der Prophet Hosea ausgesprochen hat: „Ich will dich Mir in Treue anverloben, und du sollst Gott erkennen“ (Hosea 2:22).

Mir fehlen die Worte, um meine Betrübnis darüber zum Ausdruck zu bringen, dass die Ehe sich im Niedergang befindet. Sie war und ist die größte Quelle für Schönheit im gewöhnlichen Leben – moralische Schönheit, ein Lied für zwei Stimmen in komplexer Harmonie. Die Ehe ist das beste Beispiel eines in einfache menschliche Begriffe gefassten religiösen Konzepts: Der Glaube ist die Erlösung aus der menschlichen Einsamkeit durch das heilige Band der Liebe.