Holocaust-Gedenktag
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 27th January 2010
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„Der Glaube an Gott mag nach dem Holocaust nicht leichtfallen, doch noch viel schwieriger gestaltet sich der Glaube an die Menschheit, kennt man doch das Böse, das die Menschen einander antun, und den Hass, der im Herzen der Menschen schlummert, aber nie stirbt.“
Heute ist Nationaler Holocaust-Gedenktag, und in diesem Jahr wird das Augenmerk auf eine kleine Gruppe von Menschen im Warschauer Ghetto und die erstaunliche Aufgabe gerichtet sein, die sie zum Wohle künftiger Generationen auf sich nahmen.
Das Warschauer Ghetto, in das Hunderttausende von Juden gepfercht wurden, war nicht irgendein fernab vom Blick der Öffentlichkeit gelegener Ort. Es befand sich in unmittelbarer Nähe des Zentrums einer der europäischen Hauptstädte. 100.000 Juden starben dort an Hunger und Krankheiten; 270.000 wurden in Viehwaggons nach Treblinka und in andere Lager gebracht, wo sie vergast, verbrannt und eingeäschert wurden. Im April 1943 gaben die Nazis schließlich den Befehl, alle noch im Warschauer Ghetto verbliebenen Juden zu vernichten. In einem außergewöhnlichen Akt des Widerstands hielten die Ghettobewohner die deutsche Armee fünf Wochen lang zurück, bis sie schließlich überwältigt wurden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch bereits eine völlig andere Form des Widerstands stattgefunden, und ihrer wollen wir in diesem Jahr gedenken. Es handelt sich um das geistige Kind eines jüdischen Historikers, Emanuel Ringelblum, der erkannte, dass die Nazis sich von allen bisherigen Gruppen von Eroberern unterschieden. Alle anderen hatten ihre Siege für die Nachwelt dokumentiert. Die Deutschen hingegen waren darauf bedacht, jede Spur ihrer Massenvernichtung von Roma, Sinti, Homosexuellen, geistig und körperlich Behinderten und Juden zu verwischen oder zu verfälschen.
Ringelblum erkannte, dass hier eine systematische Leugnung des Holocaust vorbereitet wurde, und zwar zu genau dem Zeitpunkt, als er sich ereignete. Also brachte er im Ghetto eine Gruppe von Akademikern, Lehrern, Journalisten, religiösen Führungspersönlichkeiten, Künstlern und jungen Leuten zusammen, um Zeitzeugenberichte von Menschen aus dem Ghetto zu sammeln, so dass die Welt eines Tages erfahren würde, was damals geschah. Auf unglaubliche Weise gelang es ihnen, 35.000 Dokumente, Geschichten, Briefe, Gedichte und Aufzeichnungen zusammenzutragen. Sie versteckten sie in Blechkisten und Milchkannen, wo sie jahrelang lagen, bis die Handvoll Überlebender den Weg zu ihrem Versteck wies.
Was für ein erstaunlicher Glaubensakt: dass das Böse letztlich besiegt werden würde, dass die Dokumente entdeckt und nicht zerstört werden würden und dass die Wahrheit am Ende triumphieren würde. Der Glaube an Gott mag nach dem Holocaust nicht leichtfallen, doch noch viel schwieriger gestaltet sich der Glaube an die Menschheit, kennt man doch das Böse, das die Menschen einander antun, und den Hass, der im Herzen der Menschen schlummert, aber nie stirbt.
Ringelblum und seine Freunde glaubten an die Menschheit, und sie haben uns ein Vermächtnis der Hoffnung hinterlassen, das im Herzen der Finsternis unversehrt geblieben ist. Mögen wir uns in unserem immer noch von Spannungen und Unruhen geprägten Zeitalter dieses Glaubens und dieser Hoffnung würdig erweisen.