Führung
„Nicht alle haben wir Macht. Aber ein jeder von uns nimmt Einfluss, ob er ihn nun anstrebt oder nicht.“
Im Mittelpunkt dieser Sendereihe standen Führungspersönlichkeiten und Führungsaufgaben. In diesem Zusammenhang gibt es eine faszinierende Erkenntnis in der Bibel, die auch heute nichts an Aktualität verloren hat.
Die hebräische Bibel enthält die Geschichten von zwei Typen von Führungskräften: Propheten und Könige. Die Könige lagen dabei stets im Kampf gegeneinander, führten Krieg gegen äußere Feinde oder sahen sich Intrigen und Bedrohungen durch innere Widersacher ausgesetzt. Könige hatten Macht, und Menschen kämpfen um Macht.
Die Propheten waren Leitfiguren einer gänzlich anderen Art. Sie führten beinahe gegen ihren Willen. Als Gott sie berief, sagte Jesaja: „Ich bin ein Mann unreiner Lippen.“ Jeremia sagte: „Ich vermag nicht zu sprechen; ich bin doch nur ein Kind.“ Jona versuchte zu fliehen. Und als Moses am brennenden Dornbusch von Gott aufgefordert wurde, die Führung zu übernehmen, sagte er wieder und wieder: „Nein, wer bin ich schon? Sie werden nicht an mich glauben. Ich bin kein Mann der Worte. Schicke doch lieber einen anderen.“
Doch wer ist uns nach all diesen Jahrhunderten heute noch in Erinnerung? Die meisten Könige sind längst in Vergessenheit geraten, die Worte der Propheten jedoch inspirieren uns weiterhin. Das ist insofern merkwürdig, als sie keinerlei Macht hatten. Sie befehligten keine Streitkräfte, standen auch nie an der Spitze einer Regierung, ja sie besaßen nicht einmal eine Gefolgschaft von Schülern. Was sie jedoch besaßen, war beständiger als Macht. Sie hatten Einfluss. So sagte Kierkegaard einmal: „Wenn ein König stirbt, endet seine Macht. Stirbt ein Prophet, so beginnt erst sein Einfluss.“
Da fallen mir die Helden aus meinem Leben ein, führende Persönlichkeiten von Martin Luther King bis zu Aung San Suu Kyi aus Birma, die den Hoffnungslosen Hoffnung gegeben haben; Menschen wie Bill Gates und Warren Buffett, die uns gelehrt haben, dass das Beste, was man mit seinem Vermögen tun kann, darin besteht, es einer noblen Sache zu stiften; und die unbesungenen Helden in unseren Krankenhäusern, Schulen und Gemeinden, die uns täglich immer wieder aufs Neue daran erinnern, dass das Glück in dem, was wir der Welt geben, und nicht in dem, was wir ihr entreißen, liegt. Einige dieser Menschen besaßen Macht, was ihnen jedoch Größe verlieh, war ihr Einfluss, die Art und Weise, wie sie andere inspirierten und den besseren Engeln ihrer Natur zuredeten.
Nicht alle haben wir Macht. Aber ein jeder von uns nimmt Einfluss, ob er ihn nun anstrebt oder nicht. Wir machen die Menschen in unserem Umfeld besser oder schlechter, als sie es sonst womöglich gewesen wären. Schlechter, wenn wir sie mit unserem Materialismus oder Zynismus anstecken, besser, wenn wir sie mit dem inspirieren, was Wordsworth den „besten Teil“ eines guten Lebens nannte, unsere „kleinen, namenlosen, nicht erinnerten Taten der Güte und der Liebe“. Diese stille Führerschaft der Einflussnahme ist nicht auf Macht ausgerichtet, aber sie verändert Leben. In schwierigen Zeiten wie heute benötigen wir sie mehr denn je.