Die Gefahren der Macht

5. Juli 2013
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Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 5th July 2013

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„Politik hat mit Macht zu tun und damit, wer sie ausübt. Freiheit jedoch ist eine Frage der moralischen Grenzen der Macht und der Zurückhaltung, wenn es darum geht, anderen unsere Ansichten aufzwingen zu wollen.“

Ich bin heute in Gedanken bei den Menschen in Ägypten, die auf die Ergebnisse ihrer zweiten Revolution innerhalb von zwei Jahren warten: zuerst der Sturz von Präsident Mubarak und jetzt der Putsch gegen Präsident Mursi, der erst vor einem Jahr in einer demokratischen Abstimmung gewählt wurde.

Wir können nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Aber mit Sicherheit wurden wir gerade Zeugen einer außerordentlich tiefen Wahrheit über das Wesen der Politik.

Wir verdanken unsere Art, über Politik zu sprechen, den alten Griechen, insbesondere den Bürgern von Athen vor etwa 26 Jahrhunderten. Sie waren es, die den Begriff Demokratie prägten und unter Solon ihre erste Form entwickelten.

Sie bedeutete, wie Abraham Lincoln es ausdrückte, „eine Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk“. Doch es waren die Bürger von Athen, die nur wenige Jahrhunderte später erlebten, wie der demokratische Ansatz in Gewaltherrschaft versank. Im Zuge dessen verurteilten sie einen ihrer größten Denker, Sokrates, zum Tode: Er habe die Jugend durch seine Lehre, selbstständig zu denken, verdorben. Der Weg zur Freiheit ist lang und beschwerlich und wird es auch immer sein.

Das Gefährliche an der Demokratie ist, so John Stuart Mill, dass sie zu einer Diktatur der Mehrheit und damit zur Unterdrückung von Minderheiten führen kann. Eine demokratische Abstimmung allein schafft noch keine freie Gesellschaft. Dafür bedarf es noch anderer Dinge: Respekt gegenüber Minderheiten, Gerechtigkeit und unparteiische Rechtsstaatlichkeit, ein kollektives Engagement für das Gemeinwohl und ein ausgewogenes Verhältnis von Rechten und Pflichten.

Meiner Ansicht nach, von der ich nicht erwarte, dass sie von jedem geteilt wird, ist die wichtigste Erkenntnis überhaupt die im ersten Kapitel der Bibel enthaltene und von allen drei abrahamitischen monotheistischen Religionen geteilte Idee, dass jeder Mensch, unabhängig von Hautfarbe, Kultur, Glauben oder Klasse, im Ebenbild Gottes geschaffen ist. Das heißt, dass jemand, der nicht meinem Gleichnis entspricht, dessen Glaube oder ethnische Zugehörigkeit sich von der meinen unterscheidet, dennoch Gottes Ebenbild ist und daher unveräußerliche Rechte besitzt.

Das Judentum, das Christentum und der Islam mögen diesem Ideal nicht immer gerecht geworden sein, aber es bleibt unsere Leitvorstellung in unserem Streben nach Gerechtigkeit, Menschenwürde und der guten Gesellschaft. Politik hat mit Macht zu tun und damit, wer sie ausübt. Freiheit jedoch ist eine Frage der moralischen Grenzen der Macht und der Zurückhaltung, wenn es darum geht, anderen unsere Ansichten aufzwingen zu wollen. Während wir also für die Freiheit des ägyptischen Volkes beten, sollten wir uns daran erinnern, dass Freiheit nicht durch Proteste oder gar demokratische Wahlen errungen wird, sondern indem wir Raum für Menschen schaffen, die nicht so sind wie wir.