Meinungsverschiedenheiten und Debatten

10. November 2017
orwell

Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 10th November 2017

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„Wahrheit erwächst aus Meinungsverschiedenheiten und Debatten.“

Als ich heute Morgen das Broadcasting House betrat, sah ich zum ersten Mal die Statue von George Orwell, die diese Woche enthüllt worden ist. An der Wand dahinter die Inschrift: „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Wie dringend wir diese Wahrheit heute brauchen.

Ich bin zutiefst beunruhigt über das, was mir wie ein Angriff auf die Meinungsfreiheit erscheint und an britischen Universitäten im Namen von „sicheren Räumen“, „Triggerwarnungen“ und „Mikroaggressionen“ stattfindet. Letztere bezeichnen jede Äußerung, die jemand als beleidigend empfinden könnte, auch wenn sie nicht böse gemeint ist. Das ging schon so weit, dass vor einem Monat Studenten an einer Hochschule in Oxford die Anwesenheit eines Vertreters der Christian Union mit der Begründung untersagten, dass einige seine Gegenwart als entfremdend und beleidigend empfinden könnten. Glücklicherweise führte der sich darauf äußernde Protest dazu, dass das Verbot schnell wieder aufgehoben wurde. Aber immerhin … Ich bin sicher, dass diese gesamte Bewegung aus den besten Motiven heraus entstanden ist, um die Gefühle der Schwachen zu schützen, was ich sehr begrüße, aber das erreicht man nicht, indem man Andersdenkende zum Schweigen bringt. Ein geschützter Raum ist das genaue Gegenteil: ein Ort, an dem man abweichenden Meinungen respektvoll Gehör schenkt in dem Wissen, dass auch die eigene Meinung respektvoll angehört wird. Das ist akademische Freiheit, und sie ist für eine freie Gesellschaft unerlässlich.

Und so habe ich es auch an der Universität gelernt. Mein Doktorvater, der verstorbene Sir Bernard Williams, war ein Atheist. Ich war ein leidenschaftlicher Glaubensanhänger. Aber er hörte sich meine Ansichten immer respektvoll an, was mir die Zuversicht gab, jenen zu begegnen, die allem, wofür ich stehe, widersprechen. Das ist Sicherheit in einer unsicheren Welt.

Und es liegt im innersten Wesen meines Glaubens, denn das Judentum ist eine Tradition, deren kanonische Texte allesamt Anthologien von Streitgesprächen sind. In der Bibel streiten Abraham, Moses, Jeremia und Hiob mit Gott. Die rabbinische Literatur ist eine schier endlose Reihe von Rabbi X sagt dies und Rabbi Y sagt das, und als ein Rabbi die Gelegenheit hatte, Gott zu fragen, wer nun recht hat, antwortete Gott: „Sie haben beide recht.“ „Wie aber können beide recht haben?“, fragte der Rabbi, woraufhin Gott auf apokryphe Weise antwortete: „Da hast du auch recht.“ Die Rabbiner nannten dies einen „Disput um des Himmels willen“.

Doch warum ist dies von Bedeutung? Weil Wahrheit aus Meinungsverschiedenheiten und Debatten erwächst. Weil Toleranz bedeutet, Raum für Differenzen zu schaffen. Weil Gerechtigkeit Audi alteram partem beinhaltet, die andere Seite anzuhören. Und weil, mit Orwells Worten, Freiheit „das Recht bedeutet, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen“.