Antisemitismus
Broadcast on BBC Radio 4’s Thought for the Day, 20th April 2018
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„…es ist das Anderssein, das uns zu Menschen macht. Und eine Gesellschaft, die keinen Platz für Unterschiede hat, hat auch keinen Platz für Menschlichkeit.“
Ich schreibe nun schon seit dreißig Jahren für Thought for the Day, aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich im Jahr 2018 immer noch über Antisemitismus sprechen muss. Ich gehöre der Generation an, die nach dem Holocaust geboren wurde und die den Nationen der Welt glaubte, als sie sagten: „Nie wieder.“
Doch diese Woche fand im Parlament eine noch nie dagewesene Debatte über Antisemitismus statt. Mehrere Abgeordnete sprachen bewegt über die Beschimpfungen, die sie erfahren haben, weil sie Juden sind, oder – was noch erschreckender ist – weil sie gegen Antisemitismus eingetreten sind. Nach Angaben des Community Security Trust ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Großbritannien auf dem höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1984 und liegt nun bei durchschnittlich vier pro Tag. Dies ist nicht das Großbritannien, das ich kenne und liebe.
Vor einem Monat, kurz vor Pessach, wurde in Paris eine achtzigjährige Überlebende des Holocaust ermordet, weil sie Jüdin war – der erschütterndste Fall in einer ganzen Reihe solcher Anschläge in Europa in den letzten Jahren. Es gibt heute fast kein europäisches Land mehr, in dem sich Juden sicher fühlen, und das in einer Zeit noch lebendiger Erinnerung an den Holocaust, bei dem 1,5 Millionen Kinder ermordet wurden, nur weil ihre Großeltern Juden waren. Grund dafür ist der zunehmende politische Extremismus auf der Rechten und der Linken sowie eine populistische Politik, die mit den Ängsten der Menschen spielt und Sündenböcke sucht, die dann für soziale Missstände verantwortlich gemacht werden. Seit tausend Jahren werden Juden als Sündenböcke angefeindet, weil sie eine Minderheit sind und weil sie anders sind. Doch es ist das Anderssein, das uns zu Menschen macht. Und eine Gesellschaft, die keinen Platz für Unterschiede hat, hat auch keinen Platz für Menschlichkeit.
Das Auftreten von Antisemitismus ist immer ein frühes Warnzeichen für eine gefährliche Störung innerhalb einer Kultur, denn der Hass, der mit Juden beginnt, endet nie mit Juden.
Am Ende seines Lebens sagte Moses zu den Israeliten: „Du sollst den Ägypter nicht hassen, denn ein Fremdling warst du in seinem Land.“ Ein seltsamer Satz. Die Ägypter hatten die Israeliten unterdrückt und versklavt. Warum sagte Moses dann: „Du sollst nicht hassen“? Nun, wenn das Volk weiterhin mit Hass erfüllt wäre, hätte Moses die Israeliten zwar aus Ägypten herausgeholt, aber nicht Ägypten aus den Israeliten. Sie wären immer noch Sklaven, nicht körperlich, aber geistig. Moses wusste, dass man, um frei zu sein, den Hass überwinden muss. Wo immer es Hass gibt, stirbt die Freiheit, und darum muss jeder von uns, vor allem wir in Führungspositionen, Stellung gegen die zersetzende Kraft des Hasses beziehen. Die einzige Voraussetzung für das Gedeihen des Bösen ist, dass gute Menschen nichts dagegen tun. Gegenwärtig sehe ich zu viele gute Menschen, die nichts tun, und ich bin beschämt.